Kick Off

04.10.2022

Unter dem Titel "Mitte der Stadt - Rand der Gesellschaft" startet am Freitag, den 07.10.2022, das Superstudio von Christian Pohl und Marc Hehn. Die Beiden leiten das Büro "hehnpohl architektur bda" in Münster und sind seit zwei Semestern Lehrende an der Münster School of Architecture.

Beleuchtet wird in dem ersten Superstudio der Architekten die Szene am Bremer Platz in Münster. Den Platz macht besonders, dass er der Mittelpunkt vielfältigen Nutzens ist. Er wird umrandet vom Hauptbahnhof, Wohnraum und einer Schule und wird sowohl von Familien mit Kindern als auch Obdachlosen und Drogenabhängigen bespielt, sodass dort viele verschiedene Bevölkerungsschichten tagtäglich aufeinander treffen und miteinander leben. Wie kann man Raum für jeden Menschen schaffen, ohne irgendwelche Lebensräume zu zerstören oder jemanden zu verdrängen?

Im Rahmen des Superstudios können sich die teilnehmenden Studierenden intensiv mit all den Fragestel- lungen und Problemen rund um den städtischen Platz beschäftigen. Das Superstudio an der MSA be- steht aus drei Teilen. Zusätzlich zum finalen Entwurf gibt es ein Ergänzungsseminar mit Dipl.-Ing. Gordon Brandenfels und ein weiteres Wahlmodul. Durch den Einfluss von Brandenfels wird ein Fokus auch auf die Landschaftsplanung gelegt, aber nicht nur er sondern auch viele weitere Experten werden immer mal wieder zu den Treffen dazu kommen. So zum Beispiel Dr. Tim Lukas von der Universität Wuppertal, der zum Thema der Urbanen Sicherheit forscht.

Wie facettenreich und intensiv sich mit dem Thema auseinander gesetzt werden kann, werden die Studierenden gleich in "Step 1" des Kurses feststellen. Sie begeben sich auf "Spurensuche". Durch eigene Recherchen vor Ort, aber auch an vergleichbaren Orten in anderen Städten, kann jeder Teilnehmende sich auf sein eigenes Themenfeld fokussieren und durch regen und permanenten Austausch neue Erkenntnisse sammeln, die dann als Gruppe zusammengetragen werden. Anhand dieser gesammelten Fakten kommt man in "Step 2" dann zur abstrakten Problemdefinition. Der Step wird von Hehn und Pohl "Parameter" genannt und gibt den Studierenden die Freiheit, die Aufgabe selbst zu definieren und direkt auf die erkannten Probleme zu reagieren. In "Step 3" folgt dann die kreative Auseinandersetzung mit dem inhaltlichen Wissen, das man sich angeeignet hat. In der dritten Phase "Präambel" sucht man also auf kreative Weise den Kern der vorher definierten Aufgabe. Diese ganzen Steps münden dann im finalen "Step 4": dem Entwurf. Die eigenen Erkenntnisse und Ideen zum Entwurf werden mit dem Input der Fachleute ergänzt, die dann bei verschiedenen Korrekturen mit dabei sind und den Austausch unterstützen.

Das gesamte Projekt wird durch die aktuellen und standortunabhängigen Probleme, die hier in den Fokus gerückt werden, so spannend. Der Input der verschiedenen Experten ermöglicht eine noch intensivere Auseinandersetzung. Wir sind gespannt, auf welche Aufgaben die Studierenden so stoßen und aus welchen Erkenntnissen, sie Lösungen versuchen zu entwerfen.

Step 1: Spurensuche

04.11.2022

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase und Aufgabenverteilung innerhalb des Teams, das sich dieses Semester intensiv mit den Möglichkeiten und Gegebenheiten des Bremer Platzes in Münster auseinander setzt, wurden am 04. November 2022 alle auf den gleichen Stand gebracht.

Ziel der Spurensuche ist es, dass man durch den Austausch eine Kenntnis-Grundlage bildet, die für alle gleich ist und mit der jede*r in die Problemfindung gehen kann.

In Teams wurde sich mit gebündelten Oberthemen, wie dem jetzigen Ist-Zustand (also dem Gelände, der Vegetation und den existierenden Spuren), das Gebäudeumfeld oder das soziale Konglomerat beschäftigt. Ist der Bremer Platz ein Ort des Transits oder ein Ort des Aufenthalts? Andere Teams haben sich mit den Einrichtungen der Stadt, der Geschichte des Platzes und auch mit den Best-Practise Beispielen aus anderen Städten intensiver auseinander gesetzt. Dabei wurde zum Beispiel das Hilfesystem für Obdachlose, das seit ca. 1900 bis heute besteht, genauer vorgestellt. Auch für drogenabhängige Menschen gibt es ein 4-Säulen-System, welches präventiv und regulierend funktionieren soll. All diese umfassenden Themen wurden intensiver behandelt und vorgestellt, wodurch alle Studierenden jetzt ein vertieftes und breit gefächertes Wissen zu dem Platz mitten in der Stadt haben.

Der Ort war schon immer eine Schnittstelle der verschiedenen Themenbereiche und schon bei der Besprechung und dem Austausch kamen viele Fragestellungen und mögliche Probleme auf, die spannend sind zu analysieren. Die Freiheit sich im nächsten Schritt seine Aufgabe selbst zu definieren, macht die Entwicklung nochmal spannender und die Vortragenden in den kommenden Wochen können viel Hintergrundwissen vermitteln, müssen sich aber auch auf kritischen Fragestellungen vorbereiten.

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Step 2 + 3: Parameter und Präambel

Christian Pohl und Marc Hehn im Austausch (©Sven Helle)

11.11.2022

Die nächsten beiden Steps wurden von Christian Pohl und Marc Hehn in einer großen Präsentation zusammengefasst. Am 11.11.2022 kam der Kurs wie gewohnt zusammen und die einzelnen Teams präsentierten ihre Problemfindung und den kreativen Umgang damit.

Die gesammelten Fakten und Daten der letzten Woche "Spurensuche" waren die Grundlage für den Kurs, sich dann spezifischer auf ein Problem zu fokussieren und dieses abstrakt zu definieren. Dabei sind die Teams auf ganzheitliche, umfassende Themen eingegangen, was mehr als eim Raumprogramm bietet.

Der Step 3 der Präambel wurde dazu gleich ergänzt. Ziel war es bei dem gewählte Themenschwerpunkt den kreativen Kern zu finden und die Essence rauzuarbeiten. Das ganze ist komplett frei und man setzt sich künstlerisch mit der eigenen Idee auseinander.

Das Thema der Obdachlosen und der möglichen Integration dieser ist in allen Projekten sehr präsent. Es geht im Allgemeinen darum, die Qualität für alle Nutzer:innen des Platzes zu verbessern. Es soll ein Platz zum Verweilen sein.

Auch Frage, wie man Drogensucht präventiv behandeln kann ohne das Thema der Sucht direkt in Vordergrund zu rücken, interessiert die Studierenden sehr. Sucht in Verbindung mit Offenheit wird groß geschrieben. Meschen sollen eingebunden, statt Barrieren, die die Integration erschweren, aufgebaut werden.

So beschäftigte sich eine Studierende mit den grundlegenden physiologische Bedürfnissen Essen, Schlafen, Sicherheit und Sanitär eines Obdachlosen und brachte dafür einen Einkaufswagen mit, der diese Bedürfnisse durch seinen zusammengesammelten Inhalt befriedigen kann. Ein anderes Team setzte sich mit den Selbstversorger-Gärten auseinander und baute einen Bezug zu dem heutigen Urban Farming in der Stadt auf. 

Das Ziel ist eine Verzahnung des Viertels, bei der auf alle Beteiligten eingegangen und zugehört wird.

Exkursion nach Hamburg

Weg zur Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe (©Berit Michaelis)

02.12.2022

"Man kann es schaffen...wenn sich jemand ein wenig Zeit für uns nimmt!"

Berührende Worte von Chris, dem einzigen Tourenleiter von Hinz&Kunzt, ließen einen frösteln, obwohl man bei den Temperaturen in der Hansestadt dachte, man sei schon ein Eisblock.

Am 02. Dezember 2022 ging es auf eine Exkursion nach Hamburg. Morgens aus Münster los und spät abends wieder zurück sein. Das Programm dazwischen war vielfältig und hinterließ einen bleibenden Eindruck bei dem Kurs von Christian Pohl und Marc Hehn. Das muss erstmal verarbeitet werden. Das Gelernte und die Eindrücke fließen dann in den Entwurf am Bremer Platz in Münster ein.

Aber jetzt einmal geordnet: Der Tag begann am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Dort ist aktuell die Ausstellung "Who´s next? - Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt" kuratiert von Daniel Talesnik. Die Ausstellung gab den Studierenden einen umfassenden und breit gefächerten Eindruck der Situation und Lösungsansätze bezüglich Obdachlosigkeit in anderen Städten.  Auch wenn Architektur das Problem der Wohnungslosigkeit nicht alleine löst, stellt sich hier die Frage, wie und mit welchem Beitrag sie Einfluss nehmen kann. Genauer gesagt:  Wie kann Architektur in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen dazu beitragen, Menschen ohne Obdach eine permanente Unterkunft zu verschaffen? Die Ausstellung setzt sich das Ziel, diese Frage zu untersuchen und die realen Umstände von Obdachlosigkeit zu verstehen. Dazu zählt auch das Fachwissen von nationalen, regionalen und städtischen Behörden, Nichtregierungsorganisationen, religiösen Institutionen, Einrichtungen des Gesundheitswesens und Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen miteinzubeziehen. 

Durch den geschärften Blick und die generelle neu entwickelte Aufmerksamkeit für das Problem der Obdachlosigkeit, sieht man eher hin und erkennt die Aussichtslosigkeit einiger Situationen. Schön zu sehen war jedoch, dass immer mehr Initiativen entstehen, die durch Corona schlicht und einfach nicht möglich waren. So steht zum Beispiel in Bahnhofsnähe vor dem Museum für Kunst und Gewerbe der Duschbus. "Go Banyo" heißt der Bus und bietet obdachlosen Menschen die Möglichkeit, sich zu waschen, umzuziehen, auf Toilette zu gehen und etwas Warmes zu trinken. Der Umbau des Buses dauerte ca. 1 Jahr. 2018 wurde das Projekt von Dominik Bloh, einem ehemalig Wohnungslosen, ins Leben gerufen. Alles funktioniert auf Spendenbasis und wird sehr gut angenommen. Unter der Premisse "Jeder Mensch hat das Recht, sich zu waschen. Doch nicht alle bekommen die Chance dazu." setzt sich das Team für die Würde der auf der Straße Lebenden Meschen ein.

Nach einer kurzen Pause und einem kurzen Durchatmen begann die zweistündige Führung des Hinz&Kunzt Mitarbeiters Chris. Er führte die Gruppe zu Orten in der Nähe des Bahnhofs, die als Anlaufpunkte für Obdachlose und Drogenabhängige entstanden sind. 

"Hinz&Kunzt hat mein Leben gerettet, sonst wäre ich jetzt nicht hier, sondern tot auf der Platte!" erzählt Chris mit einer unglaublichen Offenheit und schlägt sich dabei mit der Faust auf sein Herz. Das macht er öfter während seiner Tour und man merkt in jedem Satz wie verbunden und dankbar er der Initiative von Stephan Reimers (Diakonie) und Birgit Müller (Hamburger Abendblatt) 1993 ist, die den Ursprung der Zeitung von und für Obdachlose, Hinz&Kunzt, begründet. Birgit Müller wurde gerade erst 2021 als Chefredakteurin abgelöst. Das Straßenmagazin holte Chris von der Straße, löste seine Alkoholsucht und gab ihm ein strukturiertes Leben. Er begann wie viele andere Obadachlose als Verkäufer des Blattes und ist jetzt Festangestellter. In seiner Führung erzählt er, dass nur 2 von 1000 Obdachlosen freiwillig auf der Straße sein,  aber man sich nicht eingestehen wollte, dass man Hilfe bräuchte. So war es bei ihm auch. Schicksalschläge, andere persönlich Ereignisse, die Verhältnisse, in denen man aufwächst, all das baut ein Lügennetzwerk auf, nur um nicht nach Hilfe zu frage, einfach weil man sich dabei schämt. 80% der auf der Straße Lebenden, der "Platte" wie Chris erklärt, haben psychische Probleme, haben Depressionen und verfallen der Sucht. Durch die Sucht benötigt man mehr Geld, als nur das Lebensnotwendige, kann aber nicht mehr arbeiten, erzählt noch mehr Lügen, um an Geld zu kommen, rutscht tiefer in seine Sucht, wird kriminell, verkauft sich. Es ist ein Teufelskreis, in den man immer tiefer hineingezogen wird. Nur wenige schaffen es raus, werden immer wieder rückfällig, schaffen es nach der sechsten Therapie oder schaffen es nie. Chris hat es geschafft und ist zurecht stolz darauf. Er zeigt Initiativen und Orte, wie "Herz As", Hoffnungsorte für obdachlose Hamburger, die den ganzen Tag nichts zu tun haben, jetzt im Winter frieren und dort malen, Sprachen lernen und sich unterhalten können, vor Allem aber etwas Warmes zu Essen bekommen. Herz As ist die kleinste Essensausgabe Hamburgs, die ungefähr 800 obdachlose Menschen auch als ihre Postadresse angegeben haben.

Jetzt hat Chris durch seinen Job die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, Aufmerksamkeit zu erreichen für Menschen, die sonst in einem Strudel der Sucht und Depressionen untergehen. Er berichtet von einer Gruppe von drei jungen Erwachsenen, mit denen er jetzt noch Fußball gucken geht, denen er seine Geschichte erzählt hat und es dadurch geschafft hat, dass die Drei ihre Ausbildungen zu Ende gemacht und ihre Drogensucht besiegt haben.

"Das lieb ich an meinem Job.", sagt Chris mit Tränen in den Augen, "Ich kann die Welt nicht retten, kann keiner von uns, aber es gibt doch nichts schöneres als mit Menschen zu arbeiten und denen zu helfen."

Durchgefroren, nicht nur von der Kälte in Hamburg, ging es zurück nach Münster. Das Erlebte wird verarbeitet und wird in den Entwürfen der Studierenden definitiv sichtbar.

Jede Hilfe zählt, jeder Cent, jede Aufmerksamkeit tut dem Obdachlosen gut! - Eine von vielen Sachen, die man nach der Führung mit Chris mitnimmt.

Vielen Dank an Chris, an die Eindrücke und Impulse. 

Impressionen: Exkursion nach Hamburg


Fahrplan

Steps und Schlüsselveranstaltungen:

07.10.2022   Einführungsveranstaltung

21.10.2022   Step 1: Spurensuche

04.11.2022   Step 2: Parameter

11.11.2022   Step 3: Präambel

18.11.2022   "Handlungsstrategien zur Integration sozialer Fragestellungen" mit Ralf Gerlach, Dr. Lukas und Stefan Scholz (Kursintern)

25.11.2022   "Außenräumlicher Entwurf" mit Dipl.-Ing. Gordon Brandenfels (Kursintern)

16.12.2022   Step 4: Zwischenpräsentation Entwürfe

10.02.2023   Step 5: Schlusspräsentation

  

+ Kursinterne Exkursion


Beteiligte des Superstudios

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Marc Hehn und Christian Pohl

   hehnpohl architektur bda

   officehehnpohlde

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Stefan Scholz

   Quartiersmanagement

   Stadtraum Hauptbahnhof / Bremer Platz

   Quartiersmanagementstadt-muensterde

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Dipl.-Ing. Gordon Brandenfels

   brandenfels landscape + environment

   Gordonbrandenfelscom

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Dr. Tim Lukas

   Bergische Universität Wuppertal
   Fk 7 - Maschinenbau und Sicherheitstechnik

   Arbeitsschwerpunkte: 

  • Sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung
  • Kriminalsoziologie
  • Stadt- und Raumsoziologie

   lukasuni-wuppertalde

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Ralf Gerlach

   Institut zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik (INDRO) e.V.

   indroevt-onlinede

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Fotos und Text von Berit Michaelis (Team Public, msa)
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