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Frühchen haben es nicht leicht, wenn sie auf die Welt kommen: Sie sind noch nicht vollständig entwickelt, und vebringen deshalb viel Zeit auf neonatologischen Krankenhausstationen in Inkubatoren, die auch als Brutkästen bekannt sind. Aber da ist es nicht unbedingt leise, und der Lärm kann verheerend sein und die Entwicklung der Frühchen stören. „Ich will deshalb so was machen wie Stiftung Warentest“, sagt Prof. Dr. Abed Schokry. „Ich frage mich: Wie laut ist es in so einem Inkubator wirklich?“
Prof. Dr. Abed Schokry und Simon Siebers bringen die Messtechnik in einem Probedurchlauf am Labor-Inkubator an. (Foto: Theresa Gerks)

Daran hat Schokry während seines Forschungsaufenthalts bei unserem Zentrum für Ergonomie und Medizintechnik (ZEM) gearbeitet, und seine erhobenen Messdaten mit den gesetzlichen Normen abgeglichen – national und international. In Deutschland dürfen Inkubatoren beispielsweise die 60 Dezibel-Lärm-Grenze nicht überschreiten, in den USA, Japan und anderen Industrienationen sind maximal 45 Dezibel erlaubt. 

 Prof. Dr. Abed Schokry bereitet die Messtechnik für den Einsatz in einem Bonner Krankenhaus vor. Damit will er herausfinden, wie laut es in den Inkubatoren ist. (Foto: Theresa Gerks)
Prof. Dr. Abed Schokry bereitet die Messtechnik für den Einsatz in einem Bonner Krankenhaus vor. Damit will er herausfinden, wie laut es in den Inkubatoren ist.

Für seine Messungen hat er ein Krankenhaus in Bonn besucht. „Gut, dass ich die Messtechnik vom Labor benutzen durfte, so ein gutes Equipment habe ich an meiner Universität in Gaza leider nicht.“ Abed Schokry lehrt und forscht im Bereich Arbeitswissenschaft, Arbeitsschutz und Qualitätsmanagement. Lärm ist ein Dauerthema für ihn – nicht nur wissenschaftlich. „Zuhause drücken so viele auf ihre Autohupe, und dann sind da noch die israelischen Drohnen über unseren Köpfen, die auch nicht gerade leise sind. Das ist sehr belastend.“

In diesen warmen Brutkästen entwickeln sich die Frühchen auf neonatologischen Stationen. (Foto: Theresa Gerks)
In diesen warmen Brutkästen entwickeln sich die Frühchen auf neonatologischen Stationen.

Warum Schokry unbedingt in Deutschland forschen wollte? Das Land ist für ihn eine zweite Heimat: „Einmal Berlin, immer Berlin!“ Von 1990 bis 2007 hat er dort gelebt, gearbeitet, studiert, hat mit seiner Frau zwei Kinder bekommen, sich politisch engagiert. Aber irgendwann zog es ihn zurück in die Heimat. 2015 war er zuletzt hier. „Das war das letzte Mal, dass ich aus Gaza ausreisen konnte.“ Dass es dieses Mal, vier Jahre später, überhaupt geklappt hat mit der Ausreise, ist für ihn nicht selbstverständlich.

Prof. Dr. Abed Schokry und Simon Siebers bringen die Messtechnik in einem Probedurchlauf am Labor-Inkubator an. (Fotos: Theresa Gerks)
Prof. Dr. Abed Schokry und Simon Siebers bringen die Messtechnik in einem Probedurchlauf am Labor-Inkubator an.
Mit diesem Mikrofon lassen sich auch sensible Geräusche im Inneren des Inkubators aufnehmen und analysieren.
Mit diesem Mikrofon lassen sich auch sensible Geräusche im Inneren des Inkubators aufnehmen und analysieren.

 „Ich bin über die ägyptische Grenze nach Kairo und von da mit dem Flugzeug weiter. Von Gaza nach Kairo habe ich vor vier Jahren drei Stunden gebraucht. Jetzt waren es 14. Die Sicherheitskontrollen sind riesig, du weißt nie, ob die Grenze wirklich geöffnet ist. Meinen Flug nach Deutschland habe ich erst gebucht, als ich in Ägypten hinter der Grenze war.“ Die politische Situation und alle Rahmenbedingungen, die sie mit sich bringt, machen es für den Professor unmöglich, an internationalen Konferenzen teilzunehmen. „Es ist leider schwierig, so etwas zu planen.“

Prof. Dr. Claus Backhaus und Prof. Dr. Abed Schokry haben sich nach zwölf Jahren endlich persönlich wiedergesehen – und schon Ideen, wie sie ein gemeinsames Projekt auf den Weg bringen könnten.
Prof. Dr. Claus Backhaus und Prof. Dr. Abed Schokry haben sich nach zwölf Jahren endlich persönlich wiedergesehen – und schon Ideen, wie sie ein gemeinsames Projekt auf den Weg bringen könnten.

Trotzdem hält Schokry seine Kontakte zu internationalen Wissenschaftlern oder zu ehemaligen Kollegen – wie zu Prof. Dr. Claus Backhaus. Die zwei kennen sich von ihrer gemeinsamen Zeit an der TU Berlin. 1997 war Backhaus dort wissenschaftlicher Mitarbeiter, und Schokry begann mit seiner Promotion. „Da wurden wir Kollegen.“ Der Kontakt blieb und hielt. Auch, als Schokry zurück nach Gaza ging. Jetzt haben sich die beiden endlich wiedergesehen – live, nicht wie sonst via Skype.

Von Theresa Gerks


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