Hamsterkäufe wegen Corona: Wozu dieses Toilettenpapier?

Klopapier, Konserven, Nudeln: Vielerorts sind die Supermarktregale wie leergefegt. Warum Menschen diese Produkte jetzt massenhaft horten, Hamsterkäufe aber völlig unsinnig sind, erklärt Prof. Dr. Joachim Gardemann, Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe unserer Hochschule.

Herr Prof. Gardemann, warum kommt es zu Hamsterkäufen?

Hamsterkäufe sind eine zutiefst menschliche Reaktion in Krisen und bei Katastrophen. Betroffene versuchen immer sofort, Lebensmittel und Bedarfsartikel für sich und ihre Familien zu bekommen. Dabei geht es uns in Deutschland vergleichsweise sehr gut: Wir können fest darauf vertrauen, dass die Versorgung mit allem Nötigen wie Wasser, Strom, Kommunikation und Nahrungsmitteln gewährleistet bleibt. Menschen in anderen, insbesondere ärmeren Ländern können das nicht. Dort ist zum Beispiel der Mangel an Trinkwasser eine große Herausforderung. Dieses Problem haben wir in Deutschland zum Glück nicht. Umso befremdlicher finde ich es, dass es selbst hierzulande zu regelrechten Panikkäufen kommt.

Heiß begehrt ist unter anderem Toilettenpapier.

Den Eindruck habe ich auch. Das Phänomen, Unmengen von Toilettenpapier zu kaufen, erlebe ich in Deutschland zum ersten Mal. Ich frage mich wirklich, welche psychologischen Faktoren hinter diesem Verhalten stecken. Wozu dieses Toilettenpapier? Man kann es nicht essen, und eine Durchfallepidemie, wie beispielsweise bei Typhus oder Cholera, haben wir momentan ja auch nicht. Übrigens: Die allermeisten Menschen auf der Erde, besonders jene in armen Ländern, verfügen niemals über Toilettenpapier. Stattdessen haben sie Lösungen entwickelt, die ihnen nicht schaden. So reinigen sich sehr viele Menschen weltweit schon immer nur mit Wasser, ebenso werden vielerorts Zeitungen entsprechend verwertet. Not macht erfinderisch, auch hierzulande!

Neben dem Toilettenpapier landen derzeit verstärkt auch Nudeln und Reis im Einkaufswagen.

Das stimmt, und auch hier gilt: Das bergeweise Einkaufen von Nudeln und Reis macht überhaupt keinen Sinn. Wenn man auf kleinem Raum möglichst viel Nahrungsenergie unterbringen will, dann sollte man eher Fett ins Vorratsregal stellen, also zum Beispiel ein gesundes Pflanzenöl. Isst man Kohlenhydrate wie Reis oder Nudeln im Übermaß, führt das zum erhöhten Insulinspiegel. Damit schaden wir unserer Gesundheit. Noch schlechter als verarbeitete Kohlenhydrate sind Fertiggerichte und Konserven, die jetzt ebenfalls viele Menschen in Massen einlagern.

Warum?

Fertiggerichte und Konserven enthalten viel zu viel Zucker, Salz und Zusatzstoffe. Und all das ist angesichts der derzeitigen Lage fatal. Denn wir verbringen momentan viel Zeit zuhause, bewegen uns also weniger – und verbrennen dementsprechend weniger Kalorien, als das im normalen Tagesablauf der Fall wäre.

Was isst man denn momentan am besten?

Wichtig ist es, möglichst abwechslungsreich zu essen. Am besten viel frisches Obst und Gemüse und naturbelassene Lebensmittel wie zum Beispiel Vollkornprodukte. Vor allem frische und starkfarbige gelbe, rote oder dunkelgrüne pflanzliche Nahrungsmittel stärken das Immunsystem. Den Viren jetzt ein gesundes Immunsystem entgegenzustellen, ist ein ganz wichtiger Beitrag zur Eingrenzung der Infektionsverbreitung.

Essen ist für viele Menschen aber auch ein Seelentröster. Den dürfte manch einer angesichts der besondere Umstände jetzt benötigen.

Richtig, und das ist auch völlig verständlich. Sich hier und da mal etwas Schokolade zu gönnen, ist sicherlich nicht verkehrt. Aber bitte in Maßen. Ein gesundheitlich weniger bedenklicher Seelentröster ist die Sonne. Viel davon zu tanken, tut uns und unserem Wohlbefinden gut. Und wir produzieren über die UV-B-Strahlung Vitamin D. Dieses sorgt unter anderem dafür, dass wir unser Immunsystem stärken. Lieber also mal die Schokolade liegenlassen und stattdessen auf den Balkon in die Sonne setzen oder einen Spaziergang machen.   

Prof. Dr. Joachim Gardemann ist Hochschullehrer am Fachbereich Oecotrophologie – Facility Management und Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe unserer Hochschule. Er ist Kinderarzt, Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse und leistet seit mehr als 20 Jahren humanitäre Soforthilfe auf der ganzen Welt – immer dann, wenn das Deutsche Rote Kreuz ihn in Katastrophen- und Krisengebieten braucht. In Zeiten von Corona setzt er sich mit seinem Team hierzulande in diversen Projekten ein.  

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