Studie über Corona-Nachbarschaftshilfe: Engagement auch vom Einkommen abhängig

Für eine Studie im Auftrag des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales hat Vertretungsprofessor Dr. Sebastian Kurtenbach vom Fachbereich Sozialwesen die Hilfsbereitschaft der Menschen in Zeiten von Corona untersucht. Die Ergebnisse liegen nun vor.

Dr. Kurtenbach, wie kam es dazu?

Ich beschäftige mich ja schon lange mit dem Thema Nachbarschaft. Und zu Beginn der Corona-Krise habe ich mit Prof. Dr. Torsten Bölting von der EBZ Business School gesprochen, den ich aus anderen Projekten kenne. Wir haben diskutiert, ob Nachbarschaftshilfe einen Beitrag leisten kann, die Krise zu bewältigen, oder ob es nur ein Hype in den sozialen Medien ist. Die Studie war also eine gemeinsame Idee. Ich habe an der Entwicklung des Fragebogens und am Abschlussbericht mitgewirkt, Diplom-Soziologe Björn Eisele von der EBZ Business School hat die Umfrage und Auswertung übernommen.

 

Worum ging es der Landesregierung?

Anfang März gab es ja noch sehr viele offene Fragen, etwa wie Menschen in Quarantäne versorgt werden können, was ein zutiefst sozialpolitisches Problem ist. In den sozialen Medien tauchten dann schnell Angebote auf, dass sich Nachbarn untereinander helfen. Nun wissen wir aber aus vielen Studien, dass ein solches Hilfepotenzial in den Nachbarschaften ungleich verteilt ist. In manchen ist es höher, in anderen niedriger, aber: Alle Menschen brauchen unter gewissen Umständen Hilfe. Das hat auch die Landesregierung interessiert, denn sie war ja gefordert Lösungen zu entwickeln, wie zum Beispiel Menschen in Quarantäne geholfen werden kann. Daher wollten wir gemeinsam herausfinden, ob und wie Nachbarschaftshilfe dazu beitragen kann und wie sie sich in der Krise organisiert.

 

Welche Fragen haben Sie gestellt?

Wer ist bereit, wegen der Krise – also über die Hilfe im Alltag hinausgehend – Nachbarschaftshilfe zu leisten? Welche Rolle spielen digitale Kanäle bei der Organisation? Und natürlich Fragen, die uns Aufschluss darüber geben, ob die Bereitschaft zu helfen von persönlichen sozioökonomischen Bedingungen abhängt.

 

Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gekommen?

Rund ein Drittel der Bevölkerung in NRW war in der Corona-Krise zusätzlich bereit, Nachbarschaftshilfe zu leisten. Rechnet man das Drittel dazu, das ohnehin für seine Nachbarn engagiert ist, dann ist das ein bemerkenswertes Zeichen gelebten gesellschaftlichen Zusammenhalts. Zugleich kommuniziert rund ein Drittel der Nachbarn mittlerweile digital untereinander, zum Beispiel in WhatsApp-Gruppen. Ein weiterer Befund allerdings ist, dass diejenigen mit dem geringsten Einkommen eine geringere Bereitschaft zeigten, sich zu engagieren.

 

Was meinen Sie, warum dies so ist?
Weil von Armut bedrohte Menschen schon vorher ein kleineres Netzwerk hatten, aber auch häufig das Vertrauen fehlt, nach Hilfe zu fragen oder Hilfeangebote anzunehmen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Ärmsten in unseren Städten häufig in Nachbarschaften leben, in denen ebenfalls viele Arme wohnen, dann ist es eine sozialpolitische Aufgabe, dort besondere Anstrengungen bei der Krisenbewältigung zu leisten.

 

Also gibt es noch viel zu tun?
Ja, unbedingt. Wir müssen nachbarschaftliche Netzwerke in den ärmsten Stadtteilen stärken, um hier das nachbarschaftliche Miteinander zu fördern. Es gibt zwar schon zahlreiche Anstrengungen, sie reichen aber noch nicht aus. Und wir brauchen unbedingt einen Digitalisierungsschub bei den sozialen Diensten, damit Fachkräfte der Sozialen Arbeit in Zukunft digitale Kommunikationskanäle nutzen können, um ihren Klienten den Alltag zu erleichtern. Ein Umstand, den wir auch im Curriculum angehender Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter berücksichtigen müssen.

 

Zum Thema:
Neben Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster waren an der Studie Prof. Dr. Torsten Bölting und Diplom-Soziologe Björn Eisele von der InWIS Forschung & Beratung GmbH (Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der Ruhr-Universität Bochum und an der EBZ Business School) beteiligt. Sie haben im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales zwischen dem 26. März und 2. April 2020 eine Ad-hoc-Befragung von 1.012 Haushalten in NRW anlässlich der Coronavirus-Pandemie umgesetzt. Diese Befragung hatte unter anderem zum Ziel, Potenziale nachbarschaftlicher Hilfestellungen zur Sicherung der Versorgung von Haushalten sowie zur Vermeidung von Einsamkeit bei einer fortgesetzten Kontaktsperre zu ermitteln.

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