„Keiner darf verloren gehen“: Für mehr Inklusion auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt

Die Enquete-Kommission zur beruflichen Bildung hat ihren Abschlussbericht an Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble übergeben. Prof. Dr. Ursula Bylinski vom IBL unserer Hochschule war an der dreijährigen Arbeit beteiligt.

Frau Prof. Bylinski, Sie lehren an unserer Hochschule Berufliche Bildung und Didaktik inklusiven Unterrichts. Auf welche Aspekte haben Sie sich konzentriert?
In der Lehre ist Inklusion mein Schwerpunkt, aber immer wieder vermittele ich den Studierenden, dass sie den Blick viel weiter als nur auf den Unterricht richten müssen. Mir ist wichtig, ganz genau auf Barrieren zu schauen, beispielsweise am Übergang von der Schule in den Beruf – hier verlieren wir viele junge Menschen. Darauf habe ich in beiden Projektgruppen, in denen ich mitgearbeitet habe, immer wieder hingewiesen. Die eine Gruppe sollte Empfehlungen erarbeiten, wie die berufsbildenden Schulen fit für die Zukunft gemacht werden können, in der anderen ging es um gelingende Übergänge und die Einmündung in eine – möglichst betriebliche – Berufsausbildung.

Was war Ihnen besonders wichtig?
Wenn wir die Aufmerksamkeit auf Inklusion lenken, dürfen wir nicht nur an Menschen mit Behinderung denken, sondern an alle, die in irgendeiner Weise von Ausgrenzung betroffen sind und weniger Chancen auf dem regulären Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben – also auch an Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Alleinerziehende. Damit wir individuelle Wege in den Beruf ermöglichen, gilt es, auf die bisherigen Strukturen zu schauen und festgefahrene Prozesse aufzubrechen. Das Modell eines ersten und zweiten Arbeitsmarktes hat grundsätzlich ausgedient, wir brauchen mehr junge Menschen in Regelsystemen. Bei den Betrieben geht es um Überzeugungsarbeit: Keiner darf verloren gehen. Für jeden einzelnen Menschen ist es tragisch, keine Berufsausbildung beginnen zu können, keinen Abschluss zu haben und keinen Einstieg ins Erwerbsleben zu finden, weil erst dies gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Es ist aber auch nicht hinzunehmen für uns als Gesellschaft. Wir brauchen die Vielfalt, wir profitieren davon, und alle gewinnen.

Welche Maßnahmen könnten dazu beitragen?
Beispielsweise eine Berufsausbildung in Teilzeit für junge Mütter und Väter, dafür sind auch einige Betriebe offen, aber es müssen deutlich mehr werden. Auch für Menschen, die in Therapie sind oder Sprachkurse besuchen, sollte dies möglich sein. Wir müssen die wenigen guten Beispiele sichtbar machen, Vorbilder können inspirierend sein. In Augsburg gibt es ein Inklusionshotel, in dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammenarbeiten. Die Hälfte der Belegschaft hat ein Handicap – und erhält hier die Chance, sich auf dem „zweiten“ Arbeitsmarkt zu qualifizieren, um von dort aus in eine reguläre Beschäftigung zu wechseln. Dieses Beispiel zeigt, wie Inklusion wirklich gelebt werden kann. Wir sollten auch viel früher mit einer Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler beginnen, damit sie frühzeitig lernen, dass Anderssein „normal“ ist, und sie auch offen für Berufe werden, die für sie bisher unbekannt waren. Am besten würde ich eine Ausbildungsgarantie finden.

Was sind die Empfehlungen aus der anderen Arbeitsgruppe?
Ganz klar: ein Digitalpakt für berufsbildende Schulen. In technischen Fächern sind spezielle Werkstätten und Maschinen nötig und für die Lehrkräfte entsprechende Fortbildungen – das ist teuer. Die Azubis brauchen ein Endgerät, um mithalten zu können; die Schulen technische Unterstützung, am besten von außen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass Ihre Empfehlungen umgesetzt werden?
Wir wissen nicht, wie die Wahl im September ausgeht, aber ich hoffe natürlich, dass unsere Empfehlungen vom Parlament aus durch die Ministerien umgesetzt werden, sich eine andere Haltung zur Inklusion durchsetzt und eine bessere Ausstattung der berufsbildenden Schulen folgt. Immerhin war es dem Deutschen Bundestag wichtig, die berufliche Bildung zu stärken und eine Enquete-Kommission dazu einzusetzen. Ich hoffe sehr, dass unsere Arbeit nicht umsonst war und Unterstützungsangebote und Förderinstrumente für die Betriebe und die Auszubildenden ausgebaut werden.

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