Experte über US-Wirtschaftspolitik: „Es wäre jetzt falsch, in Angst und Lethargie zu verfallen“

„America First“ – das ist die Devise des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Was seine politischen Entscheidungen für die Weltwirtschaft bedeuten und worin Gefahren bestehen, das erläutert Prof. Dr. Manuel Rupprecht. Er ist Experte für Internationale Wirtschaftspolitik und lehrt am Fachbereich Wirtschaft unserer Hochschule.  

Prof. Dr. Manuel Rupprecht ist Experte für Internationale Wirtschaftspolitik an unserer Hochschule. (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)
Prof. Dr. Manuel Rupprecht ist Experte für Internationale Wirtschaftspolitik an unserer Hochschule. (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)

Herr Prof. Rupprecht, was kennzeichnet die derzeitige Wirtschaftspolitik von Donald Trump?

Die bisherigen Äußerungen und Erklärungen zur künftigen Wirtschaftspolitik – viel Konkretes weiß man ja auch noch nicht – sind meines Erachtens vor allem von einer gewissen kurzfristig orientierten Willkür geprägt. Der neue US-Präsident Donald Trump geht ausgewählte Konzerne gezielt und scheinbar wahllos an und droht ihnen, ihre Produkte mit hohen Zöllen zu belegen, wenn diese im Ausland produziert und dann in die USA importiert werden. Dabei handeln diese Unternehmen absolut legitim auf Basis internationaler Handelsabkommen, beispielsweise den Regeln der Welthandelsorganisation oder im Rahmen regionaler Freihandelsabkommen wie der sogenannten NAFTA. Außerdem sind es – wohl gemerkt – die amerikanischen Bürger, die sich aus freien Stücken für diese ausländischen Produkte entscheiden und nicht, wie man bisweilen meinen könnte, die ausländischen Unternehmen, die ihre Produkte den USA quasi aufzwingen. Das Ziel der neuen US-Administration ist es offenbar, amerikanischen Produkten in sämtlichen Bereichen den Vorzug zu geben. Das wiederum mündet in dem Versuch, alle anderen Quellen versiegen zu lassen oder sie zumindest spürbar einzuschränken, im Zweifel mittels präsidialer Anordnung. Strafzölle scheinen aus Sicht von Donald Trump ein probates Mittel zu sein, um die amerikanischen Bürger zu drängen, überwiegend amerikanische Produkte zu kaufen – also zum Beispiel Autos aus den USA und nicht von deutschen Herstellern. In meinen Augen ist das aber zu kurz gedacht.

 

Warum?

Die Leidtragenden einer solchen Politik wären auf Dauer zweifellos die amerikanischen Bürger, also genau jene, denen derartige Schutzmaßnahmen eigentlich zu Gute kommen sollen. Nehmen wir das Beispiel Strafzölle für deutsche Autobauer. Kämen tatsächlich 35 Prozent Zoll zum Preis eines ausländischen Neuwagens hinzu, gäbe es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Das Auto wird auf dem US-Markt um eben diese 35 Prozent teurer – dann zahlt der Bürger mehr. Alternativ reagiert der Autobauer auf diesen Zoll mit einer Preissenkung, um auch mit Zoll noch einigermaßen attraktiv für den amerikanischen Konsumenten zu sein. Der 35%ige Zollsatz wird dann auf den gesenkten Preis draufgeschlagen. In dieser Situation teilen sich die ausländische Industrie und die inländischen Konsumenten den Mehrpreis. In beiden Fällen dürfte ein Teil der Konsumenten wie beabsichtigt auf alternative, mutmaßlich inländische Hersteller ausweichen. Aber egal, wie man es dreht und wendet: Am Ende zahlt immer der amerikanische Bürger; entweder sofort, weil bisher gekaufte Güter teurer werden und er deswegen auf alternative, eigentlich aber weniger beliebte Produkte ausweichen muss, vor allem aber langfristig, weil er weniger an technischen Innovationen oder neuen Produkten aus dem Ausland beteiligt wird. Die positiven Effekte, die eine solche Politik wohl mit sich bringen würde – Konsumenten weichen tatsächlich teilweise auf amerikanische Produkte aus, das steigert dann lokalen Umsatz und Beschäftigung – wären nur von kurzer Dauer.

Problematisch ist eine solche von Willkür geprägte Wirtschaftspolitik auch deswegen, weil sie eine große Unsicherheit bei den Unternehmen weltweit schafft. Kein Konzern weiß, ob und wann er als nächstes im Fadenkreuz steht. Die Politik ist also nicht mehr regelorientiert wie früher, keiner weiß, was als Nächstes passiert. Deshalb dürften Unternehmen ernsthaft überdenken, unter solch schwer kalkulierbaren Umständen ein Geschäft in den USA aufzubauen – was der amerikanischen Wirtschaft langfristig zusätzlich schadet. Deshalb wage ich zu bezweifeln, dass Trump mit einer solchen willkürlichen und protektionistischen Politik langfristig Erfolg hat.

 

Wie sollten andere Staaten darauf reagieren?

Ich denke, es wäre jetzt falsch, in Angst und Lethargie zu verfallen. Denn eine Wirtschaftspolitik wie die von Trump kann auch etwas Positives haben: Denkbar ist, dass der Rest der Welt sie als Weckruf versteht und vor allem Europa sich aufmacht, die bestehenden Konflikte endlich zu lösen, die erreichte wirtschaftliche Integration zu sichern und eben nicht trotzig zu reagieren. Wir sollten uns nicht beeindrucken lassen und auch nicht versuchen, das Spiel mitzuspielen, sondern uns um konstruktiven Dialog mit den USA bemühen und uns im Zweifel verstärkt nach anderen Spiel-, also Handelspartnern umsehen. Das Transpazifische Freihandelsabkommen TPP zeigt, dass sich die beteiligten Länder vom plötzlichen Rückzug der USA nicht entmutigen lassen: Nachdem die USA ausgestiegen sind, denken sie vielmehr über Möglichkeiten nach, das Abkommen doch noch umzusetzen, um die langfristigen Vorteile, die ein solches Abkommen verspricht, zu erreichen. Da ist viel Optimismus dabei, aber die Einstellung halte ich für richtig.

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