Unser Stauexperte gibt Tipps zum Ferienstart: „Auf jeden Fall nachts fahren!“

Die Staumeldungen sind länger als die Radionachrichten? Dann ist klar: Die Sommerferien haben wieder angefangen, und Deutschland fährt mit Sack und Pack in den Urlaub. Aber wie entsteht Stau eigentlich?

Prof. h. c. Dr.-Ing. Martin Robert Lühder
Prof. Dr.-Ing. Martin Robert Lühder

Und kann man überhaupt etwas gegen ihn machen? Das erklärt Prof. Dr. Martin Robert Lühder vom Fachbereich Bauingenieurwesen der FH Münster. Er ist Experte für Verkehrsplanung sowie Straßen- und Schienenverkehrsbau.

 

Herr Prof. Lühder, warum kommt es überhaupt zum Stau?

Stau entsteht immer dann, wenn Straßenkapazitäten überschritten werden. Auf einer Straße herrscht eine bestimmte Dichte, die wird angegeben in Fahrzeugen pro Stunde. Wenn sich jetzt mehr Fahrzeuge die gleiche Straße, also den gleichen Platz teilen müssen, erhöht sich die Dichte. Aber weil man ja weiterhin einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten muss, kann man nicht mehr so schnell fahren, ist also insgesamt langsamer unterwegs. Das bremst dann wiederum die Fahrzeuge dahinter aus. So stagniert der Verkehr irgendwann– und es kommt zu Stop-and-Go-Situationen. In den Sommerferien schießen die Fahrzeugdichten natürlich immens in die Höhe, weil so viele gleichzeitig in den Urlaub fahren. Weniger Autos wären aus meiner Sicht nur dann unterwegs, wenn es alternative attraktive Angebote geben würde, wie zum Beispiel günstige und schnelle Zugfahrten. Und Restriktionen eingeführt werden, etwa eine Maut für Autobahnen.  

 

Was fördert denn die Entstehung von Stau?

Auf jeden Fall Baustellen – und die laufen im Sommer meistens auf Hochtouren. Das liegt an den Materialien: Beton kann man zum Beispiel nicht bei Minusgraden gießen, Asphalt darf nicht bei starkem Regen aufgebracht werden. Meistens blockieren Baustellen mindestens eine komplette Spur und schränken damit den Platz für Fahrzeuge immens ein. Ausweichmöglichkeiten gibt es keine, so steigt die Fahrzeugdichte rapide an. Das gilt auch bei Autobahnauffahrten!

Außerdem spielen LKW eine Rolle: Oft nehmen sie die komplette rechte Spur in Beschlag, sodass die Autodichte auf den freien Spuren weiter erhöht wird. Aber da ich sehe keine Hoffnung auf Besserung, im Gegenteil: Die Anzahl der LKW wird noch weiter ansteigen. Der Wirtschaftserfolg einer Nation drückt sich nämlich auch immer in der Verkehrsbelastung aus – wir sind nicht umsonst Exportweltmeister. Außerdem liegt Deutschland auch geografisch günstig und zentral in Europa.  

 

Was für Tipps haben Sie für Autofahrer, die trotzdem zum Sommerferienstart auf die Straßen müssen?

Auf jeden Fall nachts fahren – da ist es zwar auch voll auf den Straßen, aber die Dichte ist eben nicht so hoch wie am Tag, und viele LKW pausieren. Wenn möglich, sollte man auch nicht am Wochenende fahren, weil das typische An- und Abreisetage sind und deswegen ebenfalls mehr los ist. Außerdem macht es nur selten Sinn, die Autobahn bei Stau zu verlassen, weil die Ausweichrouten über Land einfach nicht darauf ausgerichtet sind, hohe Kapazitäten an Autos zu stemmen. Da wird es dann richtig schnell richtig voll.

Was sich bewährt hat, sind Webdienste wie zum Beispiel Google Maps. Die App kennt mittlerweile alle Straßen und berechnet die aktuellen Verkehrsdaten immer relativ schnell. Natürlich braucht man dafür Internet. Aber man kann sich auch schon vorher die Strecke raussuchen und die lokalen Daten als Offlinekarten abspeichern – so muss die App nur noch die aktuellen Verkehrsdaten laden.

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