Digitale Spiele: Ab wann sprechen wir von Sucht, was können Eltern tun?

Wann wird Computerspielen eigentlich zur Sucht? Das fragten wir Prof. Dr. Bernward Hoffmann, Medienpädagoge am Fachbereich Sozialwesen.

Prof. Dr. Bernward Hoffmann fand die Gamescom „laut, voll und hektisch, aber natürlich auch interessant“. Der Besuch galt beruflichem Interesse – er lehrt am Fachbereich Sozialwesen Medienpädagogik.
Prof. Dr. Bernward Hoffmann fand die Gamescom „laut, voll und hektisch, aber natürlich auch interessant“. Der Besuch galt beruflichem Interesse – er lehrt am Fachbereich Sozialwesen Medienpädagogik.

Herr Prof. Hoffmann, ab wann sprechen wir von Sucht?
Fachlich ist es zutreffender, nicht von Sucht, sondern von exzessivem Spielverhalten zu sprechen. Denn es existiert in Deutschland keine offizielle Anerkennung von Computerspielsucht oder Internetsucht als Krankheitsbild. Trotzdem gibt es natürlich Betroffene, die ihr digitales Spiel- oder Online-Verhalten nicht mehr selbstbestimmt kontrollieren können. Die dazu genannten Zahlen schwanken, aber bis zu fünf Prozent der männlichen Jugendlichen können wohl zur Gruppe möglicherweise gefährdeter Akteure gezählt werden. Bei den Mädchen ist exzessives Spielverhalten kaum bedeutsam, dafür können sie sich im weiten Feld sozialer Netzwerke verlieren und da die Selbstbestimmung über ihr Nutzungsverhalten aufgeben. Beides hat zwar mit Digitalisierung und Onlinewelten zu tun, ist aber deutlich unterschiedlich zu betrachten. Beides ist auch kein Problem speziell von Jugendlichen, sondern auch junge Erwachsene sind gefährdet. Nur haben Jugendliche in der Regel mehr Freizeit zum Spielen und für Online-Aktivitäten.

 

Wann ist dieses Verhalten problematisch und worin liegen die Ursachen?

Wenn ein Jugendlicher auch für eine längere Lebensphase sehr großes Interesse an Computerspielen hat und viel Zeit damit verbringt, ist das noch lange keine Sucht; dann müsste man auch bei anderen zeitaufwändig und exklusiv betriebenen Hobbys aufmerken.  Es müssen schon andere Faktoren hinzukommen, wie etwa Vernachlässigung von sozialen Beziehungen, von schulischen oder Ausbildungsverpflichtungen, von körperlichen Bedürfnissen wie Schlaf und vernünftige Ernährung – und das über einen längeren Zeitraum. Allerdings entsteht solches Problemverhalten nicht von heute auf morgen, sondern spitzt sich langsam zu. Deshalb sollten Personen im Umfeld schon aufmerksam für ein mögliches Abdriften sein.

Exzessives Computerspielen hat meist mehrere Ursachen im individuellen und sozialen Lebenskontext. Das Spielverhalten ist nur ein Symptom für ein Problembündel, ein Fluchtweg, um anderen Problemen auszuweichen. Deshalb nützt es wenig, nur an der Spielkonsole anzusetzen oder gar in Spielinhalten die Ursachen zu suchen; wenn überhaupt, dann geht es hier um eine Verhaltenssucht und keine stoffgebundene Sucht wie beispielsweise bei Drogen.


Was können Eltern und Freunde im Umfeld tun?

Den Kontakt nicht abreißen lassen! Sie sollten sich ehrlich interessieren für das, was die Kinder da in ihren digitalen Spiel- und Onlinewelten tun. Es gibt nicht wenige Eltern, die mit ihren Kindern zusammen die Gamescom besuchen. Ich will für diese doch sehr kommerziell orientierte Spielemesse nicht pauschal werben, aber es gibt dort auch viele kreative und pädagogisch sinnvolle Bereiche, etwa das Jugendforum. Digitale Spielwelten zu verteufeln oder zu verbieten, das hilft nicht. Ein Leben ohne Computer ist kaum zu führen. Spannende nichtdigitale Aktivitäten können ein Angebot für gemeinsames Erleben sein, wenn Flucht und Abwehr des Jugendlichen noch nicht die Beziehung zu den Eltern belastet. Konzepte im Kontext Sozialer Arbeit betonen die Ich-Stärkung, man sagt auch Resilienzförderung. Dabei geht es darum, an den Stärken und Interessen des Heranwachsenden anzusetzen und Entlastungsmöglichkeiten zu schaffen zu all dem, was der Jugendliche subjektiv gerade als Stress und Belastung erlebt. Es ist für Eltern keine ganz leichte Entscheidung: nicht übervorsichtig zu sein oder vorschnell zu agieren, solange es nur um ein zeitintensives Hobby geht, dessen Vielfältigkeit mancher Erwachsene vielleicht gar nicht durchschaut. Aber auch nicht zu spät Rat und Hilfe in Anspruch zu nehmen, zum Beispiel einer Jugendberatung. Oft hilft ein Gespräch mit Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeitern oder auch vernünftigen Freunden der jungen Leute. Für Jugendliche selbst kann eine Peer-Beratung wie beispielsweise über www.juuuport.de ein erster niedrigschwelliger Schritt sein. Gute Informationen liefert www.klicksafe.de.

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