Islamistische Radikalisierung von Jugendlichen: Drei Fragen an Prof. El-Mafaalani

Laut Medienberichten werden immer mehr Jugendliche zu radikalen Islamisten. Was treibt junge Muslime in die Arme religiöser Fanatiker und was kann die Gesellschaft dagegen tun? Drei Fragen dazu an Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani. Er lehrt an unserem Fachbereich Sozialwesen und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema.

Prof. Dr. El-Mafaalani, FH Münster
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und beschäftigt sich unter anderem mit Integration und Jugendkultur. (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)

Einige der Attentäter von Paris waren junge Leute, die offenbar für den Terror radikalisiert wurden. Wie darf man sich so eine Radikalisierung vorstellen?

El-Mafaalani: Aus der bisherigen Erfahrung kann man sagen, dass es meist junge Muslime sind, die hier im Westen nach den Anschlägen des 11. September aufgewachsen sind. Und auch wenn sie gar nicht in einem religiösen Umfeld groß geworden sind und der Islam keine große Rolle in ihrem Leben gespielt hat, waren sie den Vorurteilen der Gesellschaft ausgesetzt, die sich nach den Ereignissen gegenüber den Muslimen entwickelt haben. Diese Jugendlichen haben sich ausgegrenzt gefühlt und das hat bei einigen – allerdings sehr wenigen – zu einer Art „Jetzt erst recht“-Mentalität geführt. Das heißt, das Verhalten, dass diesen Jugendlichen unterstellt wurde, das haben sie für sich angenommen. Für solche jungen Menschen haben radikale Netzwerke eigene Angebote. Man kann sich in einer Gruppe engagieren – ist also nicht mehr ausgegrenzt. Radikale Ideologien gehören dazu, relativ selten auch Gewaltbereitschaft.

 

Diese Vorurteile scheinen ja noch immer recht verbreitet – laut aktuellen Umfragen haben noch immer viele Menschen in Deutschland Angst vor dem Islam. Woran kann das liegen und ist das begründet?

El-Mafaalani: Das ist genau das, was die Terroristen möchten und sie schaffen es leider immer wieder. Sie wollen, dass man den Islam mit Brutalität und Fanatismus in Verbindung setzt – daher ja auch der Name „Islamischer Staat“. Und darum geht es ja primär: Die Anschläge in Paris hatten nicht das Ziel, eine Stadt zu erobern. Dabei ging es um die Verbreitung von Angst. Damit schwächen die Terroristen liberale Muslime und stärken gleichzeitig die eigenen Reihen. Die Radikalisierungsprozesse und die Anfälligkeit Jugendlicher zur Radikalisierung steigt, wenn die Angst vor dem Islam steigt. Das sind Prozesse, die sich seit 2001 verstärkt abspielen, die aber politisch bisher überhaupt nicht reflektiert wurden. Und das ist mehr als frustrierend, weil wir uns damit genau so verhalten, wie es die Terroristen erhofft oder sogar erwartet haben.

 

Kann man als Privatmensch im Alltag irgendetwas gegen den Terror unternehmen?

El-Mafaalani: Größere Offenheit, mehr Optimismus, mehr Differenzierung und weniger Angst. Das könnte jeder tun. Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, könnten vielleicht schauen, wie man die Motivation und das Engagement junger Muslime aufgreifen kann. Auch, um ihnen aus das Gefühl des Ausgeschlossenseins zu nehmen. Daran, dass diese Jugendlichen zum Beispiel den Koran in Fußgängerzonen verteilen sieht man ja, dass sie sich für eine Gemeinschaft engagieren wollen – konkrete Möglichkeiten zum Engagement bieten ihnen nur zu oft die falschen Gruppen.

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