Wirtschaftsinformatik-Experte: „Bitcoins sind nur eine schillernde Anwendung von Blockchain-Technologien“

Bitcoins, Kryptowährungen, Blockchains – aktuell wimmelt es in den Nachrichten von Begriffen rund um digitale Währungen und ihre Technologien. Was dahinter steckt und welche Potenziale gerade in den Blockchains liegen, erklärt Prof. Dr. Claus Grewe von unserem Fachbereich Wirtschaft.

Prof. Dr. Claus Grewe lehrt und forscht im Bereich der Wirtschaftsinformatik an der FH Münster. (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)
Prof. Dr. Claus Grewe lehrt und forscht im Bereich der Wirtschaftsinformatik an der FH Münster. (Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz)

Herr Prof. Grewe, welcher Kerngedanke steckt hinter digitalen Währungen wie dem Bitcoin?

Bitcoins sind kein Zahlungsmittel, wie man zunächst vielleicht denken könnte. Sie sind eine Kryptowährung, eine digitale Währung, die sich aber in Euros oder Dollars umtauschen lässt. Es geht im Kern darum, im Internet einen Markt abzubilden, der ohne zentrale und reale Vertrauensinstanzen auskommt. Als Beispiel: In unserem Alltag spielen Banken eine erhebliche Rolle. Sie verwalten unser Geld – und wir vertrauen den Banken, dass sie das tun. In den Kryptowährungen ist das anders: Alle Teilnehmer haben alle Infos über alle Transaktionen, sie pflegen gemeinschaftlich eine dezentrale Datenbank mit tausenden Kopien, das Vertrauen steckt im System selbst. Und dem liegt die Blockchain-Technologie zugrunde.

 

Wozu dient denn die Blockchain-Technologie ganz praktisch?
Ich nenne mal drei laufende Projekte: In der Logistik bietet ein Diamant-Rohstoffhändler seinen Kunden dank Blockchain die fälschungssichere Möglichkeit nachzuvollziehen, woher die Diamanten stammen – damit man die Gewissheit hat, keine Blutdiamanten zu kaufen. In China lässt sich per App in manchen Supermärkten der Transportweg des Schweinefleischs checken. Die Verbraucher sehen, wo das Fleisch genau herkommt und ob beispielsweise die Kühlkette eingehalten wurde. Oder das große Projekt „ID2020“: Dabei sollen Menschen, die keine Ausweispapiere haben, registriert und mit einem digitalen Identitätsnachweis ausgestattet werden. Zum Beispiel ist ein Fingerabdruck oder Iris-Scan in der Blockchain hinterlegt. Bereits 1,3 Millionen Menschen aus 29 Ländern sind so schon vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit digitalen Ausweisdaten ausgestattet worden.

 

Wie genau funktioniert eine Blockchain?

Eine Blockchain ist vereinfacht gesagt eine Kette, die aus aneinandergereihten Datenblöcken besteht, die untereinander auch noch verkettet sind. Letztendlich kann so jede Form von digitalem Gut gespeichert und verwaltet werden, zum Beispiel Bilder oder Rechte. Es geht darum, lückenlos Datenblöcke aneinanderzureihen, die mehreren Marktteilnehmern zugänglich sind. Beim Bitcoin machen durchschnittlich 1500 Transaktionen einen Datenblock aus, in der Logistik könnte es ein Eintrag über die Verladung der Fracht in Südafrika sein, die auf dem Weg nach Europa ist. Quasi eine zentrale Informationsstrecke, die durch ihren Algorithmus, ihre Komplexität und ihre Verschlüsselung sicher, transparent und vertrauenswürdig ist und gleichzeitig die Infrastruktur für ihre beherbergten Daten bereitstellt. Diese Informationsstrecke kann von allen, die auf sie Zugriff und dafür Rechte haben – den Marktteilnehmern –, geprüft und weitergeschrieben werden.

 

Was für Vorteile lassen sich daraus ziehen?

Wenn eine Blockchain die zentrale Informationsstrecke ist – ziemlich viele. Vor allem ist die Kommunikation schneller, und es entstehen weniger Kosten; zum Beispiel, weil Vertrauens- oder Zwischeninstanzen wie Treuhänder wegfallen und weniger IT im Einsatz ist. Die Blockchain-Technologie entwickelt sich gerade ganz extrem, es gibt so viele Möglichkeiten. Der Bitcoin ist da nur eine schillernde Anwendung.

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