Wasserexperte zum ökologischen Zustand von Gewässern: „Wir müssen unser Leben umstellen!“

Viele Flüsse und Seen in Deutschland sind in einem schlechten ökologischen Zustand – das haben Anfragen der Grünen bei der Bundesregierung ergeben. Aber was steckt genau hinter dieser Bewertung? Das erklärt Prof. Dr. Helmut Grüning, Wasserexperte am Fachbereich Energie – Gebäude – Umwelt – und gibt Ratschläge, was man langfristig für Gewässer tun kann.

Herr Prof. Grüning, nach welchen Kriterien wird der ökologische Zustand bewertet?

Flüsse gehören zu den Oberflächengewässern, für die es nach der EG-Wasserrahmenrichtlinie einheitliche Bewertungsverfahren gibt. Bewertet werden drei Qualitätskomponenten: Erstens die biologischen – was für Organismen, Tiere und Pflanzen leben in dem zu bewertenden Gewässer? Zweitens hydromorphologische Kriterien wie die Durchgängigkeit und Gestalt des Gewässers, ob beispielsweise Querbauwerke eine Behinderung für Wanderfische darstellen oder das Gewässer begradigt wurde. Als Drittes erfolgt eine chemisch-physikalisch Bewertung. Hier wird der Sauerstoffgehalt oder mögliche Schadstoffbelastungen erfasst und bewertet. Das können Schwermetalle oder Arzneimittelrückstände im Wasser sein.

 

Wie kommt dann eine sehr gute, gute oder schlechte Bewertung zustande und was bedeutet sie?

Man betrachtet die jeweiligen Qualitätskomponenten im Kontext des Gewässertyps – ob das Gewässer beispielsweise ein sauerstoffreicher, schnell fließender Bach im Alpenvorland ist oder der Abschnitt eines großen Stromes wie der Mündungsbereich des Rheins. Verglichen wird der jetzige Zustand mit dem ursprünglichen Zustand des Gewässers, vor der Beeinflussung durch den Menschen. Wir sprechen dabei vom Leitbild, das den natürlichen Gewässerzustand repräsentiert. Dieser „sehr gute Zustand“ betrifft aber nicht einmal ein Prozent aller Flüsse in Deutschland. Je nachdem, wie stark die Abweichung vom eigentlichen, natürlichen Zustand ist, kommt die Abstufung der Bewertungen zustande. Das geht so weit, dass Gewässerstrukturen komplett verändert sind oder die natürlichen Lebensgemeinschaften fehlen – und das ist dann ein schlechter Zustand.

 

Warum sind die Gewässer denn so stark in ihren Strukturen verändert und was für Konsequenzen hat das für uns?

Weil wir Menschen Ansprüche haben! Wir wollen nah am Wasser wohnen, Schifffahrt und Transport ermöglichen, oder Wasser stauen, um Energie zu gewinnen. Außerdem leiten wir unser Abwasser systembedingt in Fließgewässer ein. Nur ein Teil des Abwassers wird in Kläranlagen behandelt. Und selbst hier werden Rückstände von Arzneien oder Mikroplastik nur eingeschränkt zurückgehalten. Es gibt durchaus Wasserabschnitte, in denen die Population von Fischen gestört ist, weil sie durch Hormone im Wasser verweiblichen. Schadstoffe gelangen so in unsere Nahrungskette, und es besteht die Gefahr, dass auch die Trinkwasseraufbereitung immer aufwendiger wird.

 

Was für Ideen gibt es, dass sich die Flüsse ihrem natürlichen Zustand wieder annähern?

Letztendlich müssen wir Menschen unsere Bedürfnisse an die Natur anpassen – wir müssen dem Gewässer Platz lassen, um sich zu entwickeln. So ein Gewässer lebt, es hat eine Eigendynamik. Zu den Maßnahmen zählt der Rückbau von Sohlen- und Uferbefestigungen, die Anbindung von Altarmen oder die Verlegung von Deichen, damit sich Auen als natürliche Überschwemmungsflächen entwickeln können. Auch die Landwirtschaft ist gefordert. Das betrifft unter anderem Sorgfalt bei der Ausbringung von Düngemitteln und ein ausreichender Gewässerrandstreifen neben dem Gewässer. Wenn ein Gewässer sich entfalten kann, dann erholt sich die Natur oft von alleine. Und auch wir Wissenschaftler und Ingenieure müssen ran. Bei uns an der FH Münster laufen beispielsweise gerade Forschungsprojekte zur Regenwasserfiltration, um Schwermetalle zurückzuhalten, oder zur Detektion und Vermeidung unerlaubter Schmutzwassereinleitungen.

 

Kann man auch als Privatperson was tun?

Auf jeden Fall – das Thema geht uns alle an! Auf keinen Fall sollte man Arzneimittelrückstände in der Toilette entsorgen. Darüber hinaus ist der sorgfältig dosierte Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika bedeutsam. Über natürliche Ausscheidungen gelangen diese letztlich in die Gewässer mit weitreichenden Folgen. Der Plastikmüll muss reduziert werden. Plastik zersetzt sich über viele Jahrzehnte nach und nach in den aquatischen Ökosystemen zu sogenanntem Mikroplastik. Wir müssen in diesem Zusammenhang auf Kosmetikprodukte verzichten, die Mikroplastik enthalten. Und auch wenn das mancher nicht gerne hört, wir sollten unseren Fleischkonsum einschränken. Nur so lässt sich die Massentierhaltung reduzieren, denn die ist maßgeblich verantwortlich für die hohen Nitratkonzentrationen in unserem Grundwasser. Und das ist leider nur ein Teil der unbequemen Wahrheiten im Hinblick auf den Gewässerschutz…

 

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