"Absoluter Schutz ist nicht möglich"

Prof. Dr. Helmut Grüning sprach bei den Steinfurter Campus-Dialogen über urbane Sturzfluten


Prof. Dr. Helmut Grüning
Prof. Dr. Helmut Grüning vom Fachbereich Energie - Gebäude - Umwelt sprach in seinem Vortrag über urbanen Sturzfluten und ihre Folgen. (Foto: FH Münster/Pressestelle)
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Münster/Steinfurt (9. Februar 2017). Nicht in den Keller gehen! Das ist der Rat von Prof. Dr. Helmut Grüning, falls ungewöhnlich starker Regen Straßen und Häuser flutet. „Es besteht die Gefahr, dass Sie einen Stromschlag bekommen, durch den Wasserdruck Türen und Fenster nicht mehr öffnen können oder sich mit Krankheitserregern infizieren", so der Experte für Abwassersysteme.

Nicht nur die Gefahren von extremen Wetterphänomenen, auch Ursachen und Prävention waren gestern Thema bei den Steinfurter Campus-Dialogen der FH Münster. Grüning nahm in seinem Vortrag Bezug auf das starke Unwetter vom 28. Juli 2014. „In Münster zeichneten die Niederschlagsmesser 300 Millimeter innerhalb von sieben Stunden auf.“ Zum Vergleich: Der durchschnittliche Messwert deutschlandweit beträgt 800 Millimeter – im Jahr. „Urbane Sturzflut“ nennen Wasserwissenschaftler solch ein lokales, schlecht vorhersagbares Wetterereignis.

Zu den massiven Überflutungen sei es gekommen, weil die Wassermassen nicht über das Entwässerungssystem abfließen konnten. Das liege aber nicht an falsch dimensionierten Kanalnetzen, stellte der Hochschullehrer klar. „Es ist wirtschaftlich und technisch nicht möglich, die Systeme für diese sehr seltenen Ereignisse auszulegen.“  Ausführlich erläuterte er den rund 40 Zuhörern die Bemessungsgrundlagen, die Wasserwirtschaftler für die Planung eines Kanalnetzes heranziehen.

Eine Ursache für überflutete Wege seien auch mit Blättern und Unrat verstopfte Straßenabläufe. Grüning empfahl den Teilnehmern, die Stadt zu informieren, falls ihnen ein solcher Missstand auffällt – und zudem selbst Laub nie auf die Straße zu fegen.

Der Klimawandel habe zur Folge, dass häufiger extreme Niederschlagsereignisse auf uns zukommen werden, so der Wissenschaftler. Wie kann man vorsorgen, um zukünftig große Schäden zu verhindern? „Absoluter Schutz ist nicht möglich“, sagte Grüning. Aber es gebe viele sinnvolle präventive Maßnahmen. Kommunen und Kanalnetzbetreiber könnten den Gewässern mehr Raum geben, etwa durch Renaturierung von Flussbetten. Die Erweiterung der ober- und unterirdischen Sammelstellen wie Regenrückhaltebecken würde Platz für größere Wassermassen schaffen.

Generell forderte der Hochschullehrer ein städtebauliches Umdenken: „Verdunsten und versickern lassen statt versiegeln! Effektiv sind zum Beispiel begrünte Hausdächer sowie Mulden und Vertiefungen im Stadtbild, in denen sich das Wasser im Fall der Fälle sammeln kann.“

Und auch jeder Einzelne kann sich wappnen, indem er die eigene Haus- und Grundstücksentwässerung in den Blick nimmt. Der Einbau einer Rückstausicherung schützt gegen einen Stau des Abwassers im Kanalsystem. „In den meisten Häusern ist sie vorhanden, aber man sollte sie auch regelmäßig warten“, sagte Grüning. Zusätzlich sei es sinnvoll, die Schwachstellen zu analysieren und darauf zu reagieren: „Barrieren wie zum Beispiel kleine Mauern um Lichtschächte können helfen, das Wasser zu stoppen. Und die teure Stereoanlage sollte nicht unbedingt im Souterrain stehen.“

Zum Thema:

„Steinfurter Campus-Dialoge“ heißt die Veranstaltungsreihe, die die FH Münster und das KulturForumSteinfurt initiiert haben. Seit November 2015 erklären verschiedene Referenten Wissenschaftsthemen anschaulich und allgemein verständlich. Besucher sind eingeladen, mit Forschern ins Gespräch zu kommen und Einblicke in die Wissenschaft zu gewinnen. Die nächsten Steinfurter Campus-Dialoge am 26. April 2017 beschäftigen sich mit der Qualität von Sonnenbrillen.


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