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Das doppelte Fasten

Studentin der FH Münster hat mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Auswirkungen auf den Stoffwechsel untersucht


Münster (12. April 2019). Sie sind eineiige Zwillinge, und doch unterscheiden sich die Schwestern in einem wichtigen Punkt: Eine hat Diabetes mellitus Typ 1, die andere nicht. Sarah Stengl war neun Jahre alt, als sie wie aus heiterem Himmel daran erkrankte. Über die Auslöser weiß man wenig. „Ganz sicher ist aber, dass Typ-1-Diabetes nicht von zu viel Zucker kommt“, sagt sie. Als Kind und Jugendliche war sie oft mit diesem Vorurteil konfrontiert, teilweise auch heute noch.

Typ-1-Diabetes entsteht, wenn das eigene Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse angreift. In der Folge kann der Körper das Hormon Insulin, das den Blutzuckerspiegel reguliert, nicht mehr selbst bereitstellen. Diabetiker wie Sarah Stengl müssen es zeitlebens dem Stoffwechsel von außen zuführen, damit ihre Körperzellen Blutzucker aufnehmen können.

Inzwischen studiert die 23-Jährige Oecotrophologie an der FH Münster. In einem Seminar bei Prof. Dr. Joachim Gardemann über Mangelernährung und Hungerstoffwechsel kam die Idee auf, ein Fastenexperiment mit ihrer stoffwechselgesunden Schwester Lena und sich selbst zum Thema einer Projektarbeit zu machen. Eineiige Zwillinge gelten als Glücksfall für die Forschung.

Die Studentin wollte in einem Selbstversuch herausfinden, ob man mit Typ-1-Diabetes gefahrlos heilfasten kann und wie sich die Stoffwechselprozesse bei den genetisch gleichen Schwestern durch den Diabetes unterscheiden. „Die Wissenschaft hat sich bisher wenig mit der Rolle des Insulins im Hungerstoffwechsel befasst“, sagt Gardemann, Hochschullehrer am Fachbereich Oecotrophologie – Facility Management und Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe.

Mit dem gelernten Kinderarzt hatte Stengl einen Betreuer vom Fach gefunden. Auch der behandelnde Diabetologe Dr. Ludger Rose aus Münster und Prof. Dr. Thorsten Marquardt vom Universitätsklinikum Münster (UKM) waren eingebunden. Mit ihnen stimmten sich Betreuer und Studentin während des Fastenexperiments eng ab. Da es sich um einen medizinischen Versuch am Menschen handelte, hatte Gardemann zuvor ein Ethikvotum der Ärztekammer eingeholt.

Ein Glas Traubensaft, dazu Tee und Wasser – davon ernährten sich die Schwestern täglich, elf Tage lang. „Der Anfang war schwer, ich hatte Kopfschmerzen und Entzugserscheinungen“, erzählt Sarah Stengl, „und überall dieser Duft nach Essen.“ Sie ging weiter in die Hochschule, ihre Schwester Lena zur Arbeit. Sie versuchten, ihre Tagesabläufe möglichst anzugleichen. Mehrmals am Tag führten sie Messungen durch, um Blutzuckerspiegel, Ketonkörperwerte und weitere Parameter zu dokumentieren.

Das Fasten haben beide Frauen insgesamt gut überstanden. Von den Ergebnissen war Sarah Stengl sehr überrascht. In einem gesunden Stoffwechsel setzt ab dem vierten bis fünften Fastentag die Fettverbrennung ein, in der Ketonkörper freigesetzt werden. Sie übernehmen die Energieversorgung der Zellen, nachdem in den ersten Tagen auf die Zucker- und Eiweißreserven zurückgegriffen wurde. Dass ihr täglicher Insulinbedarf so stark sinken würde, hatte Sarah Stengl nicht erwartet. Sie war vom ersten Fastentag an in den Stoffwechselzustand der Ketose gekommen. „Nach Auswertung aller Parameter haben sich die Anzeichen verdichtet, dass Diabetiker unter ärztlicher Aufsicht heilfasten oder eine ketogene Diät einhalten können, wenn sie die Insulindosis entsprechend reduzieren“, erklärt sie. Ihr sei klar, dass ein einzelnes Experiment nur erste Hinweise liefern und eine Anregung für weitere Forschung sein kann.

Die Ergebnisse findet Gardemann hochinteressant. Während seiner weltweiten Nothilfeeinsätze für das Rote Kreuz hat der 63-Jährige immer wieder mangelernährte und hungernde Menschen medizinisch behandelt. „Bei fastenden und hungernden Menschen laufen vergleichbare Stoffwechselprozesse ab. Diese Untersuchung liefert uns gleichzeitig Erkenntnisse über die Möglichkeiten der Behandlung schwerer Hungerzustände.“ Der gemeinsame Forschungsansatz aus Stoffwechselmedizin, Diabetologie, Oecotrophologie und humanitärer Nothilfe sei ein gutes Beispiel für den Wert interdisziplinärer Zusammenarbeit. Die Beteiligten planen eine gemeinsame Fachpublikation zu dem Projekt.

Bei aller Freude über den Erkenntnisgewinn warnt der Wissenschaftler ganz dringend davor, auf eigene Faust Experimente dieser Art zu machen: „Ohne engmaschige ärztliche Betreuung dürfen Diabetiker unter keinen Umständen Fastenexperimente durchführen.“


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