Brücken bauen

Stifterverband fördert Konzept für einen besseren Übergang von der Schule ins Chemieingenieurstudium an der FH Münster


Münster/Steinfurt (7. Juli 2021). Um zu wissen, wie aus Eisenerz Stahl, aus Erdöl Benzin und aus Abfall Energie wird, braucht es Kenntnisse in der analytischen und allgemeinen Chemie. Heißt: auch ein Verständnis von Atomen und Molekülen. „Wir bauen im Grundlagenstudium natürlich auf dem Wissen auf, das die Erstsemester mitbringen“, sagt Dr. Stephanie Möller, die am Fachbereich Chemieingenieurwesen der FH Münster lehrt. „Doch die Unterschiede bei den Studierenden sind sehr groß, insbesondere in Bezug auf ihr Vorwissen, aber auch auf die Fähigkeit der Selbstorganisation – sie starten bei uns direkt nach dem gymnasialen Abitur oder Fachabitur, nach einer Berufsausbildung oder bereits mit längerer beruflicher Praxiserfahrung.“ Es müssten aber alle gleichermaßen von Anfang an in komplexere fachliche Zusammenhänge einsteigen und diese verinnerlichen – um letztendlich mit Erfolg durchs ganze Studium zu kommen.

Wie dies besser gelingen kann, war immer wieder Thema in den Diskussionen zwischen der Hochschullehrerin und Dr. Ines Sonnenschein, Chemiedidaktikerin und Hochschuldidaktikerin im Wandelwerk, dem Zentrum für Qualitätsentwicklung an der FH Münster. Die beiden Wissenschaftlerinnen entwickelten Ideen, die den Studienanfänger*innen Brücken bauen für den Übergang von der Schule zur Hochschule. Ihr Konzept „Brücken bauen – Unterstützung des Studieneingangs in den chemischen Grundlagenfächern“ haben sie erfolgreich beim renommierten Stifterverband für Deutsche Wissenschaft eingereicht: Er unterstützt das Vorhaben mit 30.000 Euro, weitere 20.000 Euro konnten über einen Wandelfondsantrag an der Hochschule eingeworben werden.

„Im Kern geht es darum, dass die Neuankömmlinge eigenverantwortlich lernen und einen besseren Zugang zur Chemie erlangen – einer experimentellen Wissenschaft, die mit einer Reihe abstrakter Modelle arbeitet“, erklärt Möller. „Ein Atom ist ein hochkomplexes Gebilde, das zunächst auch in sehr einfachen Modellen beschrieben werden kann.“ Je nach Fragestellung müsse das Modell aber herausgefordert, kritisiert, erweitert oder verändert werden. „Dabei ist keines der Modelle richtig oder falsch, sondern eben passend für die Frage oder nicht“, ergänzt Sonnenschein. „Diese dynamische Sicht in Grautönen ist Basis der wissenschaftlichen Erkenntnis, Studienanfänger*innen denken aber oft noch in Schwarz-Weiß.“ Das Anwenden von und Arbeiten mit Modellen soll vom schulischen und ausbildungsbetrieblichen Wissen deshalb in ein Verständnis für die wissenschaftliche Anwendung überführt werden. Modelltheorie wird daher explizit in den Grundlagenveranstaltungen thematisiert. Ein wichtiger Bestandteil dieses Brückenpfeilers im Konzept ist auch ein virtueller Molekülbaukasten als effektives Lernprogramm. Mit ihm können die Studierenden allein oder in Teams spielen und experimentieren, frei und nach vorgegebenen Aufgaben – viel umfassender, als dies im Labor möglich wäre.

„Wichtig ist uns auch, dass sich alle Studienanfänger*innen mit ihrem individuellen Vorwissen wertgeschätzt fühlen“, erklärt Sonnenschein einen zweiten Pfeiler. Studierende und Absolvent*innen sollen in kurzen Videoclips selbst Brücken zwischen Vorerfahrungen, Studieninhalten und Berufswelt schlagen, um den Horizont über die nächste Klausur hinaus zu erweitern. „Das wird vermutlich ein ausgebildeter Chemielaborant anders anpacken als eine Abiturientin mit Leistungskurs Chemie oder eine Alumna in Führungsposition – aber alle profitieren voneinander.“

Der dritte Pfeiler nimmt die Selbstorganisation in den Blick, um vor allem Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen. „Dafür wollen wir, zusätzlich zu den Angeboten, die es an der Hochschule gibt, Freiräume für problemorientiertes Lernen etwa in der Analytischen Chemie schaffen“, so Möller. Denkbar wären kleine Projekte als Teil des Laborpraktikums, in denen die Studierenden freier und selbstständiger im Labor arbeiten können.

„Der Graben gleich zu Beginn des Studiums auf dem Weg zum Abschluss ist weder so tief noch so breit, als dass er nicht für Studierende überwindbar ist, die sich mit den Besonderheiten von Fach und Rollenbild auseinandersetzen“, ist sich Möller sicher. Davon ist auch Sonnenschein überzeugt: „Studierende einbinden und Identifikationsanlässe schaffen, an Vorwissen anschließen und Selbstkompetenz und Eigenständigkeit fördern – dies wird dazu beitragen, dass die angehenden Chemieingenieur*innen reflektierter, selbstständiger und selbstbewusster in die höheren Semester gehen können.“


Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Weitere Informationen und die Möglichkeit zum Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Seite drucken