Auf alles vorbereitet

Für ihre Masterarbeit am Institut für Berufliche Lehrerbildung der FH Münster erhält Linda Tiebing den Hochschulpreis


Münster (4. August 2022). In der Praxis läuft selten alles so rund, wie es in Lehrbüchern geschrieben steht. Mit ihrer Masterarbeit möchte Linda Tiebing, Absolventin der FH Münster, angehende Medizinische Fachangestellte auf alles vorbereiten, was ihnen tatsächlich im Beruf an Schwierigkeiten und Alltäglichem begegnen kann. Am Institut für Berufliche Lehrerbildung (IBL) des Münster Centrum für Interdisziplinarität (MCI) hat die heutige Berufsschullehrerin Handlungsketten für die Ergometrie und die Arzneimittelfachberatung entwickelt. Dafür hat die FH Münster sie mit dem Hochschulpreis für die beste Masterarbeit am IBL ausgezeichnet. Prof. Dr. Heidi Kuckeland und Prof. Dr. Andrea Zielke-Nadkarni betreuten die Arbeit.

Vor ihrem Studium hat Tiebing eine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten absolviert. Schon damals habe sie gestört, dass es keine Handlungsketten für die Praxistätigkeiten gab. „Solche Handlungsabfolgen beschreiben und bebildern jeden einzelnen Schritt einer beruflichen Tätigkeit, benennen die benötigten Materialien und geben eine Begründung, warum etwas in dieser Weise durchgeführt wird“, erklärt die FH-Alumna. In Tiebings Berufsschulzeit wurden die Handlungsschritte nicht theoretisch aufgegriffen. „Man wurde direkt ins kalte Wasser geworfen und erfährt Probleme und Lösungen nur in der späteren Berufsroutine.“ Das wollte die Hochschulpreisträgerin ändern.

Mithilfe einer Literaturrecherche und Expert*inneninterviews hat Tiebing bebilderte Handlungsketten für die Tätigkeitsbeispiele Ergometrie und Arzneimittelfachberatung erstellt. „Ich fand es erschreckend, dass die Handlungsschritte in der Literatur nur grob beschrieben waren und immer ein perfekter Ablauf abgebildet war“, so die Berufsschullehrerin. In Tiebings Interviews beschrieben die Medizinischen Fachangestellten viele Probleme, die in der Praxis vorkommen. Um die Wirklichkeit abzubilden, hat Tiebing auch diese in ihre Handlungsketten aufgenommen – einer Art „Das könnte passieren, so könnte ich reagieren“. Bei der Ergometrie werden den Patient*innen Elektroden aufgeklebt, unter körperlicher Belastung werden die Herzströme gemessen. Tiebing erklärt: „Es kann passieren, dass die Patientinnen und Patienten Angst oder schon einen hohen Blutdruck haben, bevor sie sich anstrengen.“ Außerdem könnten Berufsschüler*innen verunsichert sein, wie sie Frauen die Elektroden anlegen müssen – beispielsweise ob diese ihre Kleidung anbehalten dürfen –, denn diese werden am Oberkörper angeklebt. Zu alldem sei in der Literatur bisher fast nichts beschrieben.

Die zweite Handlungskette stellt die Schritte einer Arzneimittelfachberatung am Beispiel des Herzmedikaments Ramipril dar. Das werde häufig nach einer auffälligen Ergometrie verschrieben. „So sind beide Handlungsketten miteinander verknüpft. Das Grundgerüst ist aber für jedes Medikament anwendbar.“ Auch hier hat Tiebing alle grundlegenden Informationen, aber auch alle Eventualitäten aufgeführt. „Die Handlungskette beschreibt 77 Schritte. Auch wenn Beratungen manchmal keine fünf Minuten dauern, sollten Fachangestellte vorbereitet sein, um beispielsweise über Wechselwirkungen zu informieren“, so die Absolventin.

„Frau Tiebing hat mit ihrer Masterarbeit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Fachdidaktik der Gesundheitsberufe am Beispiel der Medizinischen Fachangestellten geleistet“, so die Einschätzung von Prof. Kuckeland. "Ihre fachdidaktisch hervorragend ausgearbeiteten Handlungsketten werden seit dem Wintersemester 2021/2022 als Prototypen in den Fachdidaktik-Veranstaltungen am IBL genutzt und dienen den Studierenden als vorbildhafte Orientierung. Besonders beeindruckt hat mich in der Betreuung der Masterarbeit Frau Tiebings sehr hohe Eigenständigkeit. Ich war in dem Begleitprozess eher Impulsgeberin, und Frau Tiebing hat Anregungen auf hohem Niveau sofort umsetzen können.“

Im Mai hat Tiebing ihr Referendariat begonnen, davor war sie bereits als Vertretungslehrerin an einer Berufsschule tätig. In ihrer Masterarbeit hat die Hochschulpreisträgerin bereits Ideen gestaltet, wie sie ihren Schüler*innen die Handlungsketten nahebringen kann, sodass diese vorbereitet in die Praxis starten.

Zum Thema: Gerade einmal ein Prozent aller Absolvent*innen eines Jahrgangs erhält ihn: den Hochschulpreis. Jedes Jahr kürt das Präsidium gemeinsam mit der Gesellschaft der Freunde der FH Münster e. V. (gdf) auf Vorschlag der Fachbereiche die besten Abschlussarbeiten. Zu den Preisträger*innen des Hochschulpreises für die besten Arbeiten aus 2021 gehört auch Linda Tiebing vom Institut für Berufliche Lehrerbildung des Münster Centrum für Interdisziplinarität. Eine vollständige Übersicht aller gewürdigten Absolvent*innen ist im Jahresbericht ab Seite 41 abrufbar: https://fh.ms/jb-2021.


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