Wer die Krankheit überlebt hatte, bekam ein Zertifikat zur Bescheinigung seiner Gesundheit ausgestellt. Aber die Menschen in den Dörfern trauten diesen Dokumenten nicht und ließen die Geheilten nicht zurück in ihre Gemeinschaft. Die Angst vor Ebola war zu groß. „Wir haben schließlich Bilder mit den Patienten gemacht“, erklärt Professor Joachim Gardemann. Ein Foto von einem Arzt, der einen ehemaligen Ebolakranken umarmt – das war den Menschen Beweis genug.
Erinnerungen an Leben und Tod: Auf seinem Schreibtisch breitet Prof. Gardemann die Bilder aus, die er aus Westafrika mitgebracht hat.

Die Krankheit ging und ließ neue Probleme zurück

Jetzt sitzt Gardemann vor solchen Bildern, die er aus Westafrika mit nach Münster gebracht hat. Bilder von Geheilten neben Bildern von einer Friedhofseinweihung. Bilder von Helfern in Schutzanzügen neben Bildern von Beerdigungen. Fünf Wochen lang war der Kinderarzt Gardemann, der das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe an unserer Hochschule leitet, als Krisenhelfer in Sierra Leone. Dort half er, die Ebola-Epidemie zu bekämpfen, die in Westafrika laut World Health Organisation (WHO) rund 11.000 Menschenleben forderte. Erst jetzt, Anfang 2016 wurde die Epidemie von der WHO für besiegt erklärt. Westafrika sei Ebola-frei, heißt es. Die Krise vor Ort sei vielleicht überwunden, sagt Gardemann. Aber sie hat den Menschen neue Probleme zurückgelassen.

»Es sind mehr Leute wegen Ebola gestorben als an Ebola.«Prof. Dr. Joachim Gardemann

„Weil man sich so auf den Kampf gegen Ebola konzentriert hat, ist die reguläre Gesundheitsversorgung ins Hintertreffen geraten“, sagt Gardemann. Schon während der Epidemie sind seiner Einschätzung nach mehr Menschen wegen der Krankheit gestorben als an ihr. Eine Blinddarmentzündung, eine Geburt – so etwas konnte tödlich sein, sagt er. „Ich befürchte, dass es in den betroffenen Ländern in naher Zukunft Masernausbrüche geben wird“, sagt Gardemann. Eine Krankheit, die für Kinder in armen Ländern meist tödlich endet.

Erinnerungen: Prof. Gardemann hat viele Bilder aus Westafrika mitgebracht. (Foto: Moritz Schäfer)
Erinnerungen: Prof. Gardemann hat viele Bilder aus Westafrika mitgebracht. (Fotos: FH Münster/ Maija Tammi (FIN RC) für IFRC)
Prof. Dr. Joachim Gardemann als Krisenhelfer in Westafrika im Kampf gegen Ebola. (Foto: Maija Tammi (FIN RC) für IFRC)
Ebola: In diesem Camp kämpfte Joachim Gardemann von der FH Münster fünf Wochen lang gegen Ebola. (Foto: Maija Tammi (FIN RC) für IFRC)

Und wie groß ist die Gefahr einer neuen Ebola-Epidemie? „Das kann jederzeit wieder passieren“, sagt Gardemann. Die Krankheit sei vor allem durch Flughunde auf die Menschen übertragen worden – und diese Tiere sind noch da. Aber selbst wenn die Krankheit zurückkehrt, die Gesellschaft sei jetzt darauf vorbereitet. „Die Menschen kennen die Krankheit jetzt, die vorher in Westafrika unbekannt war. Sie wissen, wie sie eine Infektion vermeiden können.“ Das Know-how für Krisenstäbe sei ebenfalls da, die Organisationsstrukturen müssten im Ernstfall nicht erst ausgearbeitet werden. „Ich habe da ein gutes Gefühl“, sagt Krisenhelfer Gardemann.

Von Moritz Schäfer


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