Wen wundert’s, denn die Tage von Jördis Greve und Simone Horn-Grgič sind grundsätzlich nicht lang genug. Studium, Kinder, Haushalt, Schlaf – zu viel für einen Tag. Irgendetwas kommt immer zu kurz.
Jördis Greve und Simone Horn-Grgič studieren bei uns Soziale Arbeit. Foto: Anne Holtkötter

Das Studium aber nicht. Denn beide sagen: „Ich will das unbedingt!“ Sie sind älter als ihre Kommilitonen und wollen sich mit dem Bachelorstudium der Sozialen Arbeit einen völlig neuen Berufswunsch erfüllen. Jördis ist gelernte Goldschmiedin und 39 Jahre alt, die 41-jährige Simone ist studierte Theater- und Filmwissenschaftlerin. Während die verheiratete Jördis mit ihren drei Kindern vor allem auf die Unterstützung ihrer Familie bauen kann, ist die zweifache Mama Simone alleinerziehend. 

»Wir sind ein Team von sieben Frauen, die sich neben dem Studium um ihre Kinder kümmern müssen; ohne den Zusammenhalt würde ich es nicht so gut schaffen.«Simone Horn-Grgič

Das macht es auch noch einmal anstrengender für sie. Ihr Tag beginnt meistens schon um 5 Uhr und endet nicht vor 23 Uhr. „In besonders harten Phasen fühle ich mich wie eine Maschine.“ Das Vollzeitstudium ist mühsam, aber im alten Beruf weiterzuarbeiten war ihr nach der Geburt des zweiten Kindes nicht mehr möglich. Nun will sie endlich fertig werden und wieder Geld verdienen. Das klingt pragmatisch. Aber sie sagt auch: „So, wie es jetzt ist, ist es richtig.“ Was sicher daran liegt, dass sie sich einerseits in der Wahl des Studiengangs – nicht zuletzt durch die Praktika – bestätigt sieht, andererseits auch an der Unterstützung. „Wir sind ein Team von sieben Frauen, die sich neben dem Studium um ihre Kinder kümmern müssen; ohne den Zusammenhalt würde ich es nicht so gut schaffen.“

Haben sich bei der Einführungsveranstaltung kennengelernt: Simone Horn-Grgič und Jördis Greve (l.). Trotz aller Mühen – das Studium macht ihnen Spaß. Der Austausch mit jenen, die in derselben Situation sind, ist viel wert.
Haben sich bei der Einführungsveranstaltung kennengelernt: Simone Horn-Grgič und Jördis Greve (l.). Trotz aller Mühen – das Studium macht ihnen Spaß. Der Austausch mit jenen, die in derselben Situation sind, ist viel wert.
Jördis Greve ist stolz darauf, dass Liam (r.) schon so selbstständig ist und, wenn nötig, auf seinen 7-jährigen Bruder (l.) und  die 9-jährige Schwester aufpasst.
Jördis Greve ist stolz darauf, dass Liam (r.) schon so selbstständig ist und, wenn nötig, auf seinen 7-jährigen Bruder (l.) und die 9-jährige Schwester aufpasst. (Fotos: Anne Holtkötter)

Zu dieser Gruppe gehört Jördis. Sie hatte als Schulassistentin ein Kind mit Down-Syndrom betreut, machte ihr Vorpraktikum in der Kindersozialarbeit und schrieb sich am Fachbereich Sozialwesen ein. „Das war eine große Umstellung und verlangte unheimlich viel Koordination innerhalb der Familie.“ Und trotz aller Organisation – die Module kann sie nicht bloß nach persönlichem Interesse auswählen, sondern danach, ob sie in den Familienalltag passen. Und was meint der 12-jährige Liam dazu, dass seine Mama noch studiert? „Eigentlich finde ich es doof, dass sie oft nicht da ist, aber ich finde es auch gut, dass sie studiert und dann in ihrem neuen Job arbeiten kann.“ 

Bis dahin vergeht hoffentlich kein Jahr mehr. Und immer mal wieder werden beide die Frage hören, warum sie in dem Alter eigentlich noch studieren. Sie wissen, warum.

Von Anne Holtkötter


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