Eine Woche lang jeden Tag von früh bis spät an der gleichen Orthese arbeiten – Julius Hemmann war genervt. Das änderte sich, als er die unbändige Freude einer Patientin erlebte, die dank dieses Hilfsmittels zum ersten Mal seit zehn Jahren aus dem Rollstuhl aufstehen konnte. „Dieses Erlebnis aus meiner Ausbildungszeit hat mich bestärkt, den Weg weiterzugehen“, sagt der 25-Jährige, der nun kurz vorm Bachelorabschluss im Studiengang Technische Orthopädie steht.
Nicht nur in der Ausbildung, auch im Studium ist handwerkliche Genauigkeit gefragt: Für die Projektaufgabe mussten Julius Hemmann und seine Kommilitonen einen Biegebalken mit Dehnungsmessstreifen auf einer Knieorthese anbringen

Die Welt der Gehhilfen, Bandagen und Prothesen lernte Julius schon früh kennen: Seine Eltern führen ein Sanitätshaus in der Nähe von Heilbronn. Nach dem Abitur entschied er sich für eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker und Bandagisten. Titan, Karbon, Kork, Gips, Metall, PV-Schäume – er mochte die handwerkliche Arbeit mit den vielfältigen Werkstoffen. „Ich finde es schön, wenn man am Ende des Arbeitstags sieht, was man mit den eigenen Händen geschaffen hat“, sagt er. Die Dankbarkeit der Kunden, deren Lebensqualität sich durch die nach Maß gefertigten Hilfsmittel zum Teil immens steigert, war ein weiterer positiver Aspekt.

»Die Orthopädietechnik ist in den letzten Jahren immer komplexer geworden. Viele Prothesen werden heute zum Beispiel durch Mikroprozessoren gesteuert.«Julius Hemmann

Trotzdem entschied er sich nach dem Abschluss, die Werkbank zu verlassen, um zu studieren. „Irgendwann möchte ich den Betrieb meiner Eltern übernehmen. Dafür wollte ich mir noch mehr Wissen aneignen, denn die Orthopädietechnik ist in den letzten Jahren immer komplexer geworden. Viele Prothesen werden heute zum Beispiel durch Mikroprozessoren gesteuert“, sagt er. Einen der wenigen Studiengänge in dem Bereich bietet unsere Hochschule an. Und so zog er von Baden-Württemberg nach Steinfurt. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat: „Wir lernen hier ein sehr breites Fächerspektrum kennen. Das reicht von Mathe und Elektrotechnik bis hin zu Humanbiologie und Orthopädischer Pathologie.“ Außerdem gefällt ihm, dass die Semestergruppe mit 20 Leuten sehr klein ist und ein starker Zusammenhalt herrscht.

Nicht nur in der Ausbildung, auch im Studium ist handwerkliche Genauigkeit gefragt: Für die Projektaufgabe mussten Julius Hemmann und seine Kommilitonen einen Biegebalken mit Dehnungsmessstreifen auf einer Knieorthese anbringen.
Nicht nur in der Ausbildung, auch im Studium ist handwerkliche Genauigkeit gefragt: Für die Projektaufgabe mussten Julius Hemmann und seine Kommilitonen einen Biegebalken mit Dehnungsmessstreifen auf einer Knieorthese anbringen. (Fotos: Victoria Liesche)
Die Studenten verlöteten und verkabelten die Dehnungsmessstreifen mit einem Chip, der per Bluetooth Daten an den Computer lieferte.
Die Studenten verlöteten und verkabelten die Dehnungsmessstreifen mit einem Chip, der per Bluetooth Daten an den Computer lieferte.

Für Julius der Höhepunkt des Studiums: die Projektarbeit im fünften Semester. Für einen großen Hersteller untersuchte er mit zwei Kommilitonen, welche Kräfte auf das Material einer Knieorthese, wie man sie nach Kreuzbandrissen trägt, wirken. Dafür mussten sie die Beugung des Knies und der Orthese in Alltagssituationen wie Treppensteigen wissenschaftlich messbar machen. „Zuerst standen wir vor der Aufgabe wie der Ochs vorm Berg“, gibt Julius zu. Aber in vielen gemeinsamen Arbeitsstunden im Labor fanden sie mithilfe ihrer Kenntnisse in Mathematik, Biomechanik, Konstruktionstechnik, Elektrotechnik und Informatik Schritt für Schritt eine Lösung, die verlässliche Daten lieferte. „Das Unternehmen und unser Professor fanden unsere Ergebnisse so überzeugend, dass wir sie demnächst als wissenschaftliches Paper veröffentlichen werden – eine gute Vorbereitung für die Bachelorarbeit.“

Daraus konnten sie die maximalen Biegemomente errechnen, die zum Beispiel beim Hinsetzen und Aufstehen im Knie und der Orthese auftreten.
Daraus konnten sie die maximalen Biegemomente errechnen, die zum Beispiel beim Hinsetzen und Aufstehen im Knie und der Orthese auftreten.

Nach dem Abschluss möchte Julius Berufserfahrung sammeln und vielleicht noch einen Master in Betriebswirtschaft draufsatteln. Auf jeden Fall wird ihm der Abschied vom Münsterland nicht leicht fallen: „Zuerst fand ich es etwas komisch, dass die Menschen hier erst mal ziemlich zurückhaltend sind und viel weniger reden als in meiner Heimatregion“, erinnert er sich schmunzelnd. „Aber ich habe viele gute Freunde gefunden, die ich nicht mehr missen möchte!“

Von Victoria Liesche


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