Planspiel demonstriert Komplexität humanitärer Logistik

22 Teilnehmer trafen sich an der Fachhochschule Münster zum Praxisworkshop


Münster (22. November 2012). „Alphaland von Wirbelsturm getroffen, 300.000 Menschen obdachlos." So oder ähnlich könnte eine Schlagzeile lauten, die humanitäre Helfer in sofortige Alarmbereitschaft versetzt. An der Fachhochschule Münster war die fiktive Katastrophe in „Alphaland" nun Ausgangspunkt eines Planspiels zur Logistik bei internationalen Hilfseinsätzen. Eingeladen hatten Prof. Dr. Joachim Gardemann vom Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe der FH Münster und Prof. Dr. Bernd Hellingrath, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Logistik der Westfälischen Wilhelms-Universität und Leiter des Arbeitskreises Humanitäre Logistik der Bundesvereinigung Logistik (BVL).

„Das Deutsche Rote Kreuz nutzt das Planspiel Alphaland in der Ausbildung, um die Helfer vor Auslandseinsätzen in möglichst realitätsnahe Situationen zu bringen", erklärte Joachim Jäger vom Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Er erläuterte den 22 Teilnehmern aus Hochschulen, Hilfsorganisationen, Logistikdienstleistern und staatlichen Organisationen zunächst die logistischen Grundlagen der Hilfseinsätze und teilte Briefingunterlagen aus. „Bei einem echten Einsatz kommt das Briefing in der Regel erst kurz vor Beginn der Aktion. Wir nutzen dann die Zeit im Flugzeug, um uns schnellstmöglich über die Situation am Zielort zu informieren", beschrieb Prof. Dr. Joachim Gardemann das Prozedere im Ernstfall. Der Hochschullehrer der FH Münster hat als Landesarzt des DRK schon an etlichen Hilfseinsätzen rund um den Globus selbst teilgenommen.

Im Planspiel übernahmen die Teilnehmer fünf für den logistischen Ablauf entscheidende Rollen: Die fiktive Hilfsorganisation stellte einen Logistiker und einen Verantwortlichen des Logistikzentrums im Helferland sowie einen Techniker, der an Bord der Frachtmaschine für das Handling des Materials zuständig ist. Für den Einsatzort selbst bestimmten die Teilnehmer einen Teamleiter, der die Empfängerorganisationen und Behörden am Zielort kontaktiert, sowie einen Delegierten, der vor Ort die Arbeitsabläufe koordiniert und das gelieferte Material einsetzt.

Nach einer kurzen Lagebesprechung stellten die Rollenspieler ihre Lösungsvorschläge für ihre jeweiligen Aufgaben zur Diskussion. Jäger moderierte die Runde und konfrontierte die Rollenspieler immer wieder mit Unwägbarkeiten und Herausforderungen, die den Helfern in der Realität an jeder Stelle des Einsatzes begegnen können. Der generelle Anspruch sei immer, Hilfe so schnell wie möglich zu leisten. Der organisatorische Aufwand dafür sei jedoch enorm und man könne davon ausgehen, dass die ursprünglich geplante Einsatzstrategie nur selten wirklich wie vorgesehen umsetzbar sei, erklärte Jäger. „Deshalb brauchen wir im Prinzip für jeden Part des Einsatzes immer einen Plan B", so der Experte vom DRK.

Als eine Herausforderung im Planspiel diente schließlich exemplarisch eine fehlende Landeerlaubnis am Zielflughafen des Katastrophengebiets. „In solchen Fällen brauchen wir eine funktionierende Infokette, damit sowohl die Helfer vor Ort als auch die Logistiker zu Hause schnell über alle Änderungen informiert sind", sagte Holger Schmidt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Das Wichtigste ist, dass die Hilfsgüter und medizinischen Geräte bewacht werden und nicht abhanden kommen."

Bei all dem sei es entscheidend, die lokale Bevölkerung miteinzubeziehen. Dabei gelte es, sowohl auf die politische Situation als auch auf ethnische Besonderheiten Rücksicht zu nehmen, betonte Mahmut Güngör von der Organisation Islamic Relief Deutschland. Das könne von getrennten Bereichen für Männer und Frauen in islamischen Ländern bis hin zum Umgang mit den Toten reichen, die es in den Zelthospitälern in Katastrophengebieten zwangsläufig gebe. „Wenn die Helfer aus Unwissenheit gegen gesellschaftliche oder religiöse Konventionen verstoßen, verlieren sie schnell das Vertrauen der Bevölkerung - und dann kann es zu ernsthaften Schwierigkeiten kommen", erläuterte Gardemann. „Es ist deshalb unabdingbar, für das eigene Personal Rechtssicherheit zu schaffen. Dafür ist es notwendig, die lokalen Autoritäten zu beachten und sie miteinzubeziehen."

Die Teilnehmer des Planspiels zeigten sich am Ende zufrieden über einen realitätsnahen Einblick in die Zusammenhänge der humanitären Hilfe. „Das Planspiel hat eindrucksvoll gezeigt, welche entscheidende Rolle die Logistik in den komplexen Abläufen von humanitären Hilfseinsätzen spielt und wie wichtig dabei die reibungslose Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten ist. Wir werden den Spielverlauf detailliert analysieren, um Ansätze für weitere Forschungsarbeiten zur Verbesserung der Kooperationen zu ermitteln", fasste Hellingrath das Planspiel zusammen. Dessen hohen Lerneffekt hob auch FH-Vizepräsident Carsten Schröder hervor: „Das war enorm spannend, ich habe heute wirklich was fürs Leben gelernt."

Zum Thema:
Das münstersche Netzwerk der humanitären Hilfe wurde im Juni 2012 gegründet. In ihm haben sich unter anderem die Fachhochschule Münster, die Westfälische Wilhelms-Universität, zahlreiche Hilfsorganisationen sowie die Stadt Münster und die Allianz für Wissenschaft zusammengeschlossen.


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