Ich bin eine Stunde zu früh in der Mitarbeiterküche, stelle die Heizung an, baue das Aufnahmegerät auf. Ich stelle Käse und Oliven auf den Tisch und kurz darauf zurück in den Kühlschrank. Mir wird klar, wie viel zu früh ich bin. Zum fünften Mal lese ich meinen Fragenkatalog, habe das Gefühl, kein Interviewziel zu haben und falle in eine Sinnkrise. Ich bin fehlerhaft, unvollkommen - Mensch. Ich werde manchmal aus unverständlichen Gründen nervös und in den unpassendsten Situationen rot. Ich rede zu laut und vergesse schnell. Noch einmal kontrolliere ich, ob die SD-Karte im Aufnahmegerät steckt. Über Perfektion und das Scheitern im Produktdesign möchte ich mit drei unserer Werkstattleiter am Fachbereich reden. Mich interessiert ihre Meinung und ich hoffe, mehr zu erfahren über einen Designbereich, mit dem ich mich bis jetzt nur wenig beschäftigt habe. Perfektion war einfach nie so mein Ding. Ich streiche fröstelnd über meinen Wollpulli und bleibe mit dem linken Zeigefinger in einem von sechs Löchern hängen. Nacheinander betreten Thomas Gabriel, Michael Bauer und Georg Janßen den Raum. Ich springe auf und setze eine entspanntere Miene auf. - von Ronja Overländer

Wer von euch dreien kommt eurer Meinung nach der Perfektion am nächsten? Vielleicht die falsche Frage zu Anfang?

Georg zeigt auf Thomas, Thomas zeigt auf Michael.
Georg Von Design-Sachen und eigenen Arbeiten würd ich sagen… Thomas.

Michael Ja! Die sind perfekt.

Georg Ja, von denen, die ich so kenne.

Die 3D-Werkstatt

Dann habt ihr in eurer Freizeit auch Zeit für eigene Arbeiten?

Georg Ja.

Thomas Ich bin ja auch nicht jeden Tag hier. Ich bin noch freiberuflich tätig als Produktdesigner. Ich hab früher auch hier am Fachbereich Design studiert, das will man ja auch leben.

Wie seid ihr alle an der MSD gelandet?

Michael Ich bin … lang, lang ist's her, von außerhalb hierher gekommen. Aus Mainz. Das war schon 1973, also inzwischen , ich glaube, 43 Jahre hier in Münster. Ich kann also nicht sagen, dass ich kein Münsteraner bin. Ich habe im Gegensatz zu Georg und Thomas nicht Design studiert, sondern Pädagogik. Danach war ich arbeitslos und hab überlegt, was ich machen kann. Ich habe eine Lehre an der Handwerkskammer zum Schlosser gemacht und mich eigentlich direkt nach der Lehre selbstständig gemacht zusammen mit anderen Leuten. Ich habe hauptsächlich Stahlmöbel und Stahl-Glas-Möbel gebaut, also entworfen und gebaut, und das ungefähr zwölf Jahre. Danach ging es mit der Firma etwas schlechter und ich habe noch ein bisschen rumgedümpelt. Renovierungen, auch so ein bisschen Gestaltung im Sinne von Innenarchitektur und habe für Schulen gearbeitet. Zwischendrin hab ich noch nen Gestalter im Handwerk gemacht und da hab ich dann Thomas kennen gelernt - als Dozent. Hab meinen Abschluss gemacht. Ja und irgendwann wurde dann die Stelle am Fachbereich frei und Thomas hat mir das netterweise erzählt. Dann hab ich mich beworben und bin auch genommen worden.

Georg Ich hab hier studiert '77 … Hab '82 mein Diplom gemacht, das war eine freie Arbeit. Ich hatte Lehraufträge hier die erste Zeit. Und dann wurde eine halbe Stelle frei, ich hatte die Lackierwerkstatt unter mir und bin jetzt immer noch da. Ich bin derzeit zwischenzeitlich auch an der Uni in Erfurt tätig. So 5 Semester. Und habe da Lehraufträge im Bereich ästhetische Wahrnehmung, also auch Malerei. Ja, und sonst war ich immer hier. Erste Wochenhälfte hier und zweite Wochenhälfte meine eigenen Sachen. Also Malerei, Atelierarbeit, dann aber auch zum Teil Beratung und Gestaltung bei Wohnungseinrichtungen.

Thomas Ich hab auch hier studiert. Bin danach als freiberuflicher Dozent mit Lehraufträgen eine Zeit lang hier beschäftigt gewesen, anderthalb Jahre ungefähr … also drei Semester. Und danach ist eine halbe Stelle freigeworden am Fachbereich, im Bereich Modellbau, und die hab ich dann letztendlich wahrgenommen. Seitdem bin ich hier seit 25 Jahren im Werkstattbereich Modellbau mit dem Schwerpunkt Kunststoffe tätig.

Ist Perfektion gleich Präzision bezogen auf euren Beruf?

Thomas Es kommt ganz auf die Sachen an. Das ist ganz unterschiedlich.

Georg Bei Projekten von Studenten ja, bei meiner Malerei ist das ganz unterschiedlich. In dem Bereich, in dem Thomas und Michael arbeiten, ist auch sicherlich mehr Perfektion erforderlich. Ich experimentiere viel mit Farben und neuen Strukturen.

Speziell mit Metall, kann man da überhaupt experimentieren und die physikalischen Grenzen des Materials austesten?

Michael Da kann man experimentieren, aber das hängt natürlich von den Anforderungen der Studierenden ab. Manchmal muss man Sachen ausprobieren. Ich mache oft Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Insofern sind es durchaus auch immer Experimente. Ich würde sagen: 80 % sind Sachen, die man oft gemacht hat, die mit Erfahrung zusammenhängen, und 20 % sind neu und man muss andere Lösungen finden.

Ist es dann teilweise nur noch ein Abarbeiten von Projekten, die man mit Studierenden erstellen muss? Kann euch überhaupt noch etwas schocken oder begeistern? Oder ist es reine Routine geworden?

Thomas Nein, es ist immer wieder neu, es ist immer wieder spannend und es sind auch immer wieder neue Leute mit neuen Hintergründen und Vorstellungen. Da muss man ganz individuell drauf eingehen und natürlich hat man im Laufe der Tätigkeit hier 'nen Erfahrungsschatz gesammelt. Aber trotz aller Erfahrung, die man gemacht hat, bin ich auch immer dafür, neue Wege auszuprobieren. Ich experimentiere ganz viel. Es ist nicht so, dass ich alles nur perfekt und präzise erstellen muss, es gibt auch Sachen, die man wagt, wo man das Ende noch nicht ganz genau kennt. Da gibt's Sachen, die einen, obwohl sie nicht perfekt geworden sind, trotzdem begeistern können. Eben weil sie so spannend, abwechslungsreich und völlig unorthodox zustandekommen - und trotzdem kann dann das Ergebnis unpräzise sein, aber… ja! Völlig überraschend und neu und anders. Und diese ganzen Experimente fließen natürlich auch wieder ein in die Aufgabenstellungen, die von den Studierenden kommen. Da kann man euch auch manchmal sagen, dass man Sachen, die nicht unbedingt zusammengehören, zusammenbringen kann. Das funktioniert trotzdem und dadurch gibt es dann auch wirklich ne Bereicherung im Ausdruck von Produkten oder Objekten, die vorher nicht kalkulierbar war und trotzdem interessant ist.

Wie sieht es dann aus mit dem Zufall? Weil du gerade meintest…

Alle drei (Diskussion) Zufälle gibt's dann natürlich auch. Natürlich!

…  So was wird dann also auch mit eingebaut?

Thomas Klar! Gewisse Zufälle führt man auch herbei und kennt das Ergebnis noch nicht. Da kann jedes Mal was anderes entstehen. Das muss man den Studierenden klarmachen, dass da immer mal was dabei sein kann, was nicht hundertprozentig perfekt und präzise ist. Haben wir heute wieder gesehen bei einer Gießgeschichte. Da bilden sich dann irgendwelche Fehlstellen, die aber trotzdem interessant sind und die man akzeptieren muss. Man kann natürlich auch industrielle Geschichten erstellen, aber eben nicht bei uns. In der Industrie sind natürlich die Anforderungen ganz andere und dann muss das Ding am Ende eben perfekt aus
der Form kommen.

Sind euch Studierende lieber, die mit vollkommen unmöglichen Ideen zu euch kommen, wo ihr von Anfang an wisst, das geht niemals, oder Leute, die von Anfang an klar im Rahmen bleiben?

Thomas Es gibt Leute, die kommen mit den absurdesten Ideen. Da kann man dann nur sagen: "Ich glaube nicht, dass das funktioniert." Die probieren es trotzdem und sind enttäuscht, wenn es eben so ist, wie wir es vorhersagen. Das trifft aber auch nicht immer zu. Manchmal kommen Studierende mit Ideen, die wir erst für fragwürdig oder kaum realisierbar halten und dann trotzdem eine Wendung nehmen, die zu einem brauchbaren Ergebnis führt. Man muss sich dann drauf einlassen, wir sind ja auch unterstützend dabei und lassen euch nicht links liegen.

Aber ihr lasst auch Leute gegen die Wand fahren, wenn sie irgendwas ausprobieren wollen? Könnt ihr euch an irgendeine absurde Idee erinnern, mit der jemand zu euch kam?

Georg Ja, ihr müsst dann ja auch sehen, dass es mal nicht geht.

Michael Absurde Ideen … Es gibt einige, mir fällt grad nur keine konkret ein.

Georg Mir auch nicht.

Thomas Wollte nicht vor kurzem irgendwer 'ne Feuerstelle aus irgendeinem Gefäß bauen, was ein riesiges Gefahrenpotenzial beinhaltete? Da hast du ganz dringend von abgeraten.

Michael Ach ja. Das war irgend so ein Fass, wo vorher Giftstoffe drin waren, und das sollte dann als Grill umgebaut werden.

Thomas Von dem man später Lebensmittel letztendlich genießt, das ist ja irgendwie haarsträubend.

Michael An solchen Stellen sag ich immer, ihr könnt alles zu Hause machen, aber nicht hier.

Georg Aber wir weisen natürlich trotzdem drauf hin, dass das gefährlich ist.

Alle drei Ja klar! Klar. Jaja! Natürlich.

Michael Das mach ich natürlich! Manchmal ist man aber auch überrascht, was so funktioniert. Wenn man Leute weggeschickt hat, die anschließend vor sich hinpröddeln und es hinkriegen. Insofern muss man immer ein bisschen vorsichtig sein mit Vorurteilen und Vorhersagen.

Thomas Ja stimmt, mit den Worten: "Es geht nicht" vorsichtig sein. Es geht nämlich manchmal doch.

Wir haben über das Scheitern von Studierenden geredet. Wie sieht das aus, wenn ihr bei euren eigenen Projekten scheitert? Was macht ihr dann?

Georg Scheitern? So was gibt's gar nicht. Es gibt nur ein "Nach-vorne-Schauen". Machen! Machen!

Thomas Dann wird halt was anderes gemacht. Etwas variiert oder umgestrickt. Jedes Scheitern bringt neue Perspektiven, das kann man nicht als totales Scheitern ansehen.

Dann wird etwas anderes gebaut, etwas Neues?

Thomas Ja, einfach ändern … Wie sagt man … Nach der Decke strecken, sich den Begebenheiten unterordnen, anpassen, verändern und so weiter.

Georg mit seinen Gedanken ganz woanders: Jedem Anfang liegt ein Zauber inne. Wie Hesse schon sagte.

Michael Und jedem Ende. Es geht ja gerade um Enden und nicht Anfänge. Ich kenne das schon, dass man Frust kriegt, wenn irgendwas nicht funktioniert. Und ich hab dann auch nicht unbedingt immer den Ehrgeiz, auch genau diese Geschichte bis zum Ende zu bringen. Die lässt man dann vielleicht eine Zeitlang liegen.

Thomas Und irgendwann kann es dann auch sein, dass man sie wieder ausgräbt.

Michael, du hast gerade von Frust gesprochen. Kann man unter Kreativität leiden?

Thomas vollkommen empört: Unter WAS?

Unter Kreativität!

Thomas Nein.

Georg Ja doch. Wenn man Phasen hat, klar.

Ok, wenn die Kreativität fehlt - aber kann man auch darunter leiden, dass man zu kreativ ist?

Georg Pfffrüaaah … Ne. Man kann nie kreativ genug sein.

Michael Da leiden vielleicht andere drunter.

Thomas Ja, man kann darunter leiden, weil man nicht alles verfolgen kann. Aber das ist kein echtes "Leiden". Manchmal scheitert etwas an der Zeit, manchmal am Geld oder man kommt nicht an gewisse Dinge ran. Aber nein, ich leide nicht darunter.

Georg Nö.

Michael Nein.

Georg Dann mach ich was anderes.

Thomas Dann back ich 'nen Kuchen oder sonst was.

Georg Ich such mir einfach ein anderes Thema.

Gibt es eurer Meinung nach vollkommenes Design?

Thomas Ich weiß nicht, die Natur macht, glaub ich, eher vollkommenes Design als wir.

Michael Das würde ich auch so sehen.

Georg Wir kupfern ja von der Natur ab.

Thomas Die perfekte Form ist ohnehin ein Ei.

Georg Ja.

Thomas Und da kann man nichts mehr…

Michael …dran drehen.

Thomas Das ist einfach super!

Huhn oder Ei. Was war zuerst da?

Georg erlöst mich: Das kann erst 'ne Amphibie gewesen sein. Kommt ja alles aus'm Meer… Meine Frau braucht gleich mein Auto.

Thomas Ok. Dann sind wir ja sozusagen durch.

Hervorragend, ich danke euch! Einen wunderschönen Abend noch.

Seite drucken