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Kinder im mazedonischen Flüchtlingslager Stenkovac im Jahr 1999

Münster (8. März 2016). Etwa 13.000 Menschen harren derzeit in Idomeni, einem griechischen Dorf an der Grenze zu Mazedonien, aus. Täglich werden es mehr. Viele von ihnen übernachten unter freiem Himmel entlang der Grenze, in der Hoffnung, zu den nächsten wenigen zu gehören, die Mazedonien weiterreisen lässt. Es heißt, dass die EU die Balkanroute schließen will. Als chaotisch und angespannt wird die Lage dort beschrieben.

Eine Lage, die Prof. Dr. Joachim Gardemann an einen Einsatz vor 17 Jahren erinnert. Im März 1999 war der Arzt für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in der Region, um Nothilfe zu leisten. In einem Lager im mazedonischen Stenkovac versorgte Gardemann, der seit 2001 das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe an der FH Münster leitet, Menschen, die vorm Krieg im angrenzenden Kosovo geflohen waren.

Auf dem Balkan ist es nachts sehr kalt

"Ich kann sehr gut nachfühlen, wie es den Menschen geht, wenn sie die Nächte draußen verbringen müssen, manchmal auf dem nackten Boden. Auf dem Balkan können die Nächte im Winter und auch noch im Frühjahr sehr, sehr kalt werden", sagt der Hochschullehrer vom Fachbereich Oecotrophologie · Facility Management.

Die Menschen waren damals vor den Kämpfen zwischen serbischen und kosovo-albanischen Truppen geflohen, Streitpunkt war die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien. Ende März begann die NATO, Stellungen und Einrichtungen von Serbien, damals noch Rest-Jugoslawien, aus der Luft zu bombardieren. Ein Einsatz, der ohne UN-Mandat ausgeführt wurde und in Deutschland für heftige Diskussionen sorgte. Das habe aber nichts daran geändert, dass eine internationale Welle der Hilfsbereitschaft losbrach, so Gardemann.

Hunderttauschende Menschen flohen, ein Teil nach Albanien, ein Teil nach Mazedonien. Die Grenze zwischen dem Kosovo und Mazedonien war zunächst verschlossen. Im Lager Bllacë (Blace), im Kosovo, harrten die Menschen tagelang aus, der Witterung schutzlos ausgeliefert. Die Situation sei der heutigen sehr ähnlich gewesen. "Es gab keine Infrastruktur, keine Heizung, keine sanitären Einrichtungen, kein Dach über den Kopf", erzählt Gardemann. Dann wurde die Grenze geöffnet.

Vor 17 Jahren kamen Helfer auch aus Neuseeland

Prof. Dr. Joachim Gardemann hat 1999 im Flüchtlingslager Stenkovac angepackt.

Die großen Hilfsorganisationen waren bald vor Ort, von überall kamen die Helfer, auch aus Israel und Japan, sogar aus Neuseeland. Die Spendenbereitschaft war damals enorm. "Es wurden Wärmezelte aufgebaut, wo die Mütter ihre Kinder vor der Kälte schützen konnten. Die Menschen wurden mit dem Nötigsten versorgt", erinnert sich Gardemann. Das habe die Situation deutlich entschärft.

Ein wenig wundert Gardemann sich, wenn er heute auf die Lage der Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze blickt. Es werde, verglichen mit der Situation vor 17 Jahren, weniger über das Leid der Menschen berichtet, und wenn, dann auch sehr abstrakt", sagt der 60-Jährige. Und es seien deutlich weniger Hilfsorganisationen vor Ort als damals. Wieso das so anders sei, diese Frage habe ihn in den letzten Tagen sehr beschäftigt.

In Deutschland ist die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen groß

Dass es Katastrophen gibt, die in den Medien weniger Beachtung finden als andere, hat Gardemann, der seit mehr als zwei Jahrzenten wiederholt humanitäre Hilfe in der ganzen Welt leistet, immer wieder erlebt. "Mit diesem Phänomen befasst sich aktuell die Kampagne 'Vergessene Humanitäre Krisen' des Auswärtigen Amtes", sagt Gardemann. "Möglicherweise sind die Menschen langsam erschöpft von den vielen Krisen, die es auf der Welt gibt."

Auf der anderen Seite sei die Hilfsbereitschaft aber gar nicht weniger geworden, sie werde möglicherweise einfach nach innen gelenkt, denn in Deutschland habe man schon alle Händevoll damit zu tun, die große Zahl an Flüchtlingen zu versorgen.

Hilfe nach dem Maß der Not allein

Flüchtlinge im Lager Stenkovac im Jahr 1999

Humanitäre Hilfe nach dem Maß der Not allein, das sei nun das Gebot der Stunde. Ziel jeder Nothilfe sei ein Leben in Würde und Sicherheit. Die Menschen, die jetzt zu Tausenden an der griechisch-mazedonischen Grenze kampieren, müssten etwas zu essen bekommen, sich waschen können, vor Kälte geschützt werden, mit einem Dach über dem Kopf schlafen können.

Die Tatsache, dass Mazedonien immer nur kurz die Grenze aufmacht, führe dazu, dass die Menschen sich in Panik an der Grenze postieren. "Dann müssen die Hilfsorganisationen eben entlang der Grenze Zelte aufbauen. Zuallererst muss den Menschen geholfen werden. Danach kann man politisch über Lösungen diskutieren", sagt Gardemann.

Vor 17 Jahren wurde das Flüchtlingslager in Stenkovac schon bald nach dem Ende der NATO-Bombardierung wieder geschlossen, die Menschen kehrten in ihre Heimat zurück. In der Situation heute ist eine schnelle Lösung allerdings noch lange nicht in Sicht.

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