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Michaela Berghaus beschäftigt sich in Theorie und Praxis intensiv mit der Arbeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD). (Fotos: FH Münster/Stefanie Gosejohann)

In einem Seminar ihres Pädagogikstudiums an der WWU Münster hat Michaela Berghaus den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) kennengelernt und war sofort so interessiert, dass sie beschloss: "Den schaue ich mir mal näher an." Also machte sie ein Praktikum beim ASD, meistens organisiert als Fachdienst des Jugendamtes, der sich mit Beratung, Erziehungshilfen und der Abwendung von (möglichen) Kindeswohlgefährdungen befasst. Dort kam sie zu der Erkenntnis: "Ja, das ist es, das möchte ich später beruflich machen." Nach dem Diplom fing sie dann auch tatsächlich im ASD eines Kreisjugendamtes an und hat dort jahrelang Kinder, Jugendliche und ihre Familien begleitet.

Berufsbegleitend absolvierte sie an unserem Fachbereich den Studiengang Sozialmanagement. Ihr Prüfer Prof. Dr. Reinhold Schone legte ihr nach dem Masterabschluss nahe, sich für eine Qualifizierungsstelle zu bewerben und zu promovieren. Und das tat sie. Seit 2013 arbeitet Berghaus als wissenschaftliche Mitarbeiterin an unserem Fachbereich. Nach einigen Vorarbeiten hat sie im Sommer 2015 konkret mit ihrer Dissertation begonnen. In narrativen Interviews befragte sie insgesamt 18 Eltern zu ihren Erfahrungen, Gefühlen und Erlebnissen während des Verfahrens zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung. "Ich habe keine Fragen vorgegeben, sondern mir ihre persönliche Geschichte erzählen lassen", erläutert die Pädagogin. "Das kürzeste Interview hat eine Dreiviertelstunde gedauert, das längste sechseinhalb Stunden." Diese Interviews hat sie aufgezeichnet, gründlich ausgewertet, und anhand von drei Einzelfällen ausführliche Fallstudien erstellt. Auf Grundlage der Ergebnisse aller Interviews leitete sie Erlebens- und Bewältigungsmuster der Eltern ab.

Berghaus war es wichtig, die Sicht der Eltern zu beleuchten, da es bislang noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen zur Perspektive betroffener Eltern in kindeswohlgefährdenden Situationen gibt. Auch während ihrer eigenen Arbeit als ASD-Fachkraft hat sie sich hierzu schon Gedanken gemacht: "Wenn die Kooperation mit den Eltern besonders herausfordernd war, habe mich immer wieder gefragt, woran das wohl genau liegen oder was dazu geführt haben könnte." Zentrales Ergebnis ihrer Untersuchung: "Die Eltern fühlen sich von den Fachkräften oft stigmatisiert, da ihnen aus ihrer Sicht die Rolle als 'Täter' zugeschrieben wird." Diese einseitige Wahrnehmung führe dazu, dass eine erfolgreiche Kooperation äußerst schwierig sei. Ihr Appell an die Fachkräfte lautet daher: "Es ist sehr wichtig, auch die Ressourcen der Eltern in den Blick zu nehmen und genau hinzusehen, was trotz aller Probleme gut in der Familie läuft."

Ein anderes wichtiges Ergebnis ist die offensichtliche Diskrepanz in den Wahrnehmungen der Fachkräfte und der Eltern: "Auffällig ist, dass die Eltern in keinem Fall geäußert haben, dass das Wohl ihres Kindes tatsächlich gefährdet war", erläutert die 36-Jährige. "Problematische Ereignisse oder Situationen erfahren durch die Eltern eine andere Deutung." So habe eine Mutter beispielsweise geschildert, ihre Tochter geschlagen zu haben und ihr Verhalten damit erklärt, dass sie dadurch lediglich Schlimmeres von dem Kind abwenden wollte - nämlich die Schläge des Vaters. In einem anderen Beispiel hatte die Fachkraft eine unsichere Bindung zwischen Kind und Eltern festgestellt, die Eltern haben die Beobachtungen jedoch mit der Entwicklung des Kindes begründet: "Das stimmt gar nicht, unser Kind hat halt gelernt, sich selbst zu beschäftigen."

Alle befragten Eltern haben das Verfahren zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung als extrem belastend wahrgenommen und viele waren der Ansicht, dass ihre Familie dadurch einen irreparablen Schaden genommen hat. Daher stellt die Bewältigung alle Betroffenen vor eine große Herausforderung. Da die Eltern den Prozess eher als "Kampf gegen sie" empfunden haben, sank ihre Bereitschaft zur Kooperation mit den Fachkräften im Verlauf. Eine einfache Lösung für dieses schwierige Dilemma hat Berghaus natürlich auch nicht parat. Aber sie rät den Fachkräften des ASD dazu, den Wunsch der Eltern nach Anerkennung und auch ihre Bedeutung für das Kind stärker wahrzunehmen.

Die zentralen Aspekte ihrer Ergebnisse vermittelt die wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Weiterbildung "So habe ich das noch nie gesehen! − Kindeswohlgefährdung als (fachliches) Stigma? Erleben und Bewältigen von schwierigen Lebenssituationen aus Sicht betroffener Eltern." Die Veranstaltung richtet sich an Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe und findet zum ersten Mal am Mittwoch (11. März) statt. Weitere Informationen finden sich unter www.weiterbildung-sozialwesen.de.

Knapp 400 Seiten umfasst die Doktorarbeit von Michaela Berghaus. Nach der erfolgreichen Disputation muss sie ihr Werk nun noch veröffentlichen, um den Doktortitel führen zu dürfen.
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