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Partizipation von Eltern sollte in stationären Erziehungshilfen flächendeckend umgesetzt werden, ist diese Form der Hilfen zur Erziehung doch als Dienstleitung für Eltern konzipiert und ihre Mitwirkungsrechte entsprechend rechtlich verankert. Obwohl drei Viertel der Eltern das Sorgerecht behalten, wenn ihre Kinder zeitweise oder dauerhaft in stationären Erziehungshilfen leben, bleiben Beteiligung und Mitbestimmung von Eltern in der praktischen Umsetzung häufig nur Ansprüche. Stellen Mitwirkungsmöglichkeiten von Eltern in Kindertagesstätte und Schule die Regel dar, überraschen die mangelnden Partizipationsgelegenheiten von Eltern in der stationären Erziehungshilfe. Das sei das eigentlich Erstaunliche, wo es doch in der Heimerziehung i.d.R. um viel mehr geht, unterstreicht die Berliner Professorin für Sozialpädagogik, Ulrike Urban-Stahl.

Mit dem Ziel, Mitwirkungserfahrungen und die Perspektive von Eltern zu ergründen, Partizipationsansätze für Eltern zu entwickeln und in Heimen und Wohngruppen umzusetzen, brachte die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) gemeinsam mit der Fachhochschule Münster das Praxisentwicklungsprojekt "Partizipation von Eltern mit Kindern in stationärer Unterbringung" auf den Weg. Die Debatte um Partizipation in der Erziehungshilfe, die bislang überwiegend Kinder und Jugendliche fokussiert, wird um die notwendige Perspektive von Eltern erweitert. Dabei geht das Projekt über die übliche Elternarbeit hinaus. Es sucht nach Wegen, wie die vom Gesetzgeber vorgesehene, aktive Subjektstellung von Eltern in der Zusammenarbeit mit stationären Einrichtungen der Erziehungshilfe realisiert werden kann. Neun Mitgliedseinrichtungen der Diakonie RWL beteiligten sich an dem Projekt, das von der Lotterie Glücksspirale gefördert wurde.

Um die Ergebnisse der zweijährigen Projektphase der Fachöffentlichkeit bekannt zu geben, luden die Diakonie RWL und die FH Münster Fach- und Leitungskräfte aus der stationären Erziehungshilfe sowie interessierte Eltern und Studierende am 11.05.2016 zur Abschlusstagung ein. Das Thema stieß auf große Resonanz und die Tagung war bereits nach kurzer Zeit mit über 120 Teilnehmenden ausgebucht.

Irene Düring eröffnete für den Fachverband Erzieherische Hilfen der Diakonie RWL die Tagung und betonte, dass es wichtig sei, Eltern als Experten ihrer Kinder anzuerkennen. Mit dem Projekt löse der Fachverband - so Düring - seine Aufgabe ein, zentrale Herausforderungen der Jugendhilfe aufzugreifen und gemeinsam mit den Einrichtungen zu bearbeiten.

Im Anschluss präsentierten Prof. Dr. Peter Hansbauer von der FH Münster und Prof. Dr. Nicole Knuth von der FH Dortmund die Konzeption und die Ergebnisse des Praxisentwicklungsprojektes. Dazu konturierten sie den Begriff "Partizipation" mit einem Blick auf das Elternrecht. Die häufig unbestimmte Nutzung des Begriffes ließe allzu oft außer Acht, dass es bei Partizipation um Mitbestimmung und einflussreiche Aushandlung geht. Als ausgewählte Ergebnisse aus durchgeführten Elterninterviews stellten sie die Unterbringung des Kindes als kritisches Lebensereignis für Eltern heraus. Damit verbunden seien oftmals Gefühle des Scheiterns und des allein gelassen Seins. Deutlich wurde auch, dass Eltern häufig unzureichend über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten bei stationärer Unterbringung informiert sind. So würden viele Eltern sich gerne stärker im Alltag der Wohngruppen einbringen und sich mit anderen Eltern austauschen. In mehreren beindruckend verlaufenen Workshops - so die beiden Projektakteure - konkretisierten Eltern und Fachkräfte gemeinsam Ansätze, mit denen Partizipation von Eltern im Aufnahmeprozess, im Alltag, im Hilfeplanverfahren, in Gruppen und Gremien, durch Beschwerdeverfahren und gemeinsame Aktivitäten umgesetzt werden kann. Der Vortrag wurde durch kurze Erfahrungsberichte von Eltern und Fachkräften aus der Projektarbeit angereichert.

Einen Blick von außen warf Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl, von der Freien Universität Berlin, in ihrem Vortrag auf das Projekt und ordnete es in die Fachdebatte ein. Als innovativ und einzigartig hob sie sowohl das Thema des Projektes als auch die Besonderheit der umfänglichen Beteiligung von Eltern im Projektprozess selbst hervor. Für ertragreich hielt sie den eingeschlagenen Weg, Ideen nicht nur zu entwickeln, sondern diese auch praktisch umzusetzen, zu erproben und gemeinsam zu reflektieren. Neben Strukturen brauche Partizipation auch Haltungs- und Kulturveränderungen in den Einrichtungen und Jugendämtern und - so unterstrich sie - dies benötige Zeit.

Anschließend präsentierten die am Projekt beteiligten Einrichtungen die von ihnen entwickelten und erprobten Konzepte zur Partizipation von Eltern. An zehn Stationen stellten Eltern und Fachkräfte ihre sogenannten "Konzeptbausteine", wie z.B. Willkommensmappen, Beteiligung im Aufnahmeprozess, Elternrat, 'Eltern in Aktion', Alltagsbeteiligung von Eltern und Beschwerdeverfahren, vor. Dabei nutzten die Teilnehmern*innen der Tagung rege die Möglichkeiten des Austauschs und der Diskussion über die konkreten Produkte und Ergebnisse.

Im Abschlusspodium zogen Irene Düring, Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl, Bernd Hemker (Ombudschaft Jugendhilfe NRW) und Martina Kriener (FH Münster) unter der Moderation von Dr. Remi Stork ein Resümee des Fachtages. Mit dem Projekt sei ein wichtiges Thema aufgegriffen worden. Für die weitere Implementierung in den Einrichtungen sind nach den ersten praktischen Umsetzungen und Erprobungen "Kümmerer", also Eltern und Fachkräfte, die sich weiterhin engagieren sowie ein klares Bekenntnis und die Unterstützung durch Leitung notwendig, damit erste Schritte nicht wieder versanden. Aber auch auf fachpolitischer Ebene - so die Positionen - muss das Thema Elternpartizipation weitergetragen und forciert werden. Hier sind die Fach- und Wohlfahrtsverbände sowie die Landesjugendämter gefragt.

Mit einem Dank an die Eltern und Fachkräfte für ihre engagierte Zusammenarbeit im Projekt endete die von intensivem Austausch, anregenden und perspektivreichen Diskussionen geprägte Fachtagung. Der Abschlussbericht des Projektes erscheint im kommenden September in der Schriftenreihe "Beiträge zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe" des EREV-Fachverbands.

Weitere Infos unter: http://www.diakonie-rwl.de/projekte/elternpartizipation/

 

 

 

Verfasser:

Martin Gies
Fachhochschule Münster
Fachbereich 10
Hüfferstraße 27
48149 Münster

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