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Der syrische Flüchtling Khaled Sliman Al Hariri erzählt seine Geschichte

Das ist die Geschichte von Khaled Sliman Al Hariri. Der syrische Flüchtling braucht keine Fragen, er erzählt einfach. Die Geschichte ist da. Ganz deutlich. In seinem Kopf. Sie muss raus. In sechs Stunden berichtet er, wie er sich von seiner Familie verabschieden musste, wie es dazu kam, dass er das erste Mal eine Waffe tragen musste, wie er den Kugelhagel beim Überqueren eines Stützpunktes überlebt hat, wie er ein kleines Mädchen gerettet hat, wie er in einer Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (ISIS) landete, wie er das Meer überquerte und dabei fast starb und wie er am Ende nach Münster kam. Heute sammelt der 28-Jährige an unserer Hochschule erste Studienerfahrungen.

Foto: Khaled Sliman Al Hariri ist in Gedanken oft in Syrien bei seiner Familie. (Foto: FH Münster/Pressestelle)

Wie alles begann

"Ich dachte immer, lass ein wenig Zeit verstreichen, dann werden die Probleme in Syrien kleiner, aber sie wurden größer." Es begann mit Graffitis an Häuserwänden in Daraa, einer Stadt im Süden Syriens, in deren Nähe Khaled einmal gelebt hat. Kinder hatten dort geschrieben: "Das Volk will den Sturz des Regimes." Das Assad-Regime ließ die Sieben- bis Zehnjährigen daraufhin ins Gefängnis bringen, foltern und teilweise erschießen. Aus Khaleds Sicht war das der Beginn des Aufstands. "Die Regierung wandte sich gegen die eigenen Leute - sogar gegen Kinder." Er erhält bald darauf die Nachricht, dass er zur Armee eingezogen wird. Für ihn kommt das nicht in Frage: "Mein Krieg geht nicht gegen meine Mitmenschen." Sich zu weigern, würde einem Todesurteil gleichkommen. Also taucht Khaled unter und versucht sein Leben, so gut es geht, weiterzuleben. Doch dann kommt der Tag, der alles ändern sollte.

Khaled ist in seinem Computerladen, als er Motorengeräusche ganz in der Nähe hört. Er geht zur Tür, um nachzusehen, wo die Geräusche herkommen. Im nächsten Moment fliegt er durch den Raum und landet in einer Ecke. Im Hintergrund hört er das Surren von Bomben. Dann ist alles still. Danach folgen schrille Schreie von Frauen und Kindern. Er rennt schnurstracks nach Hause. Schon kommt ihm seine Mutter entgegengeeilt, barfuß, und die Augen voller Schrecken. "Sie war so froh, dass ich noch lebte." Spätestens da realisiert er: "Unsere eigene Regierung bombardiert uns. Unser Viertel war keine Rebellenhochburg, dort lebt nur Zivilbevölkerung." Doch der Angriff bleibt nur ein Vorbote dessen, was in der Nacht folgen sollte: In der Dunkelheit bedeckt die Armee sein Dorf Ebtaa mit einem wahren Bombenhagel. In dieser Nacht schwört sich Khaled, der schon oft über eine Flucht nachgedacht hat: "Wenn ich diese Nacht überlebe, dann gehe ich." Er plant seine Flucht, findet mit Mohammed einen Freund, der ihn begleiten möchte, und kratzt 5.000 US-Dollar zusammen. In der letzten Nacht bei seiner Familie schläft er keine Minute. Sein Vater gibt ihm für die bevorstehende Reise sein Wissen, seine Weisheit und vor allem seine Zuversicht mit.

Die Flucht

Am 14. August 2014 verlässt er sein Dorf, Ebtaa, ein stolzer Ort mit viel Geschichte und zieht gemeinsam mit seinem Freund los. Sie tragen Rucksäcke, darin sind ein paar Anziehsachen, ein paar Flaschen Wasser und Nahrungsmittel. "Nicht zu viel hatte der Schmuggler gesagt, wir mussten ja alles tragen." Als er an den Moment des Abschieds von seiner Familie denkt, ohne zu wissen, ob er sie jemals wiedersieht, kann er nicht weitersprechen. Er schaut ins Leere, scheint etwas zu suchen, was nicht da ist. Khaled atmet durch, sammelt sich und erzählt weiter: "Wir starteten auf unserem Weg in die Hölle und wussten es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Die Route über Libyen ist die schwerste."

Foto: Khaled Sliman Al Hariri auf der Flucht in der syrischen Wüste. (Foto: privat)

Im Niemandsland

Die offizielle Route für Flüchtlinge kommt für Khaled nicht in Frage. Wäre er von der Armee kontrolliert worden, sie hätten ihn sofort erschossen, da er flüchtig ist. Ein "guter Mann" hatte Khaled und Mohammed an einen verlässlichen Schmuggler vermittelt. Als sie bei ihm ankommen, sind bereits zwei weitere Männer da. Sie brechen gemeinsam auf. Zunächst erwartet sie ein neunstündiger Marsch durch die erbarmungslos heiße und steinige Würste. "Danach waren meine Schuhe komplett durchgelaufen." Dann folgt die Übergabe an den nächsten Schmuggler - ohne Pause: "Du bist hier nicht sicher, hier können wir nicht bleiben. Weiter!", mahnt er. Khaled traut dem Schmuggler nicht - genauso wie ein anderer Mann aus der Gruppe. Dieser drückte ihm heimlich eine Waffe in die Hand, damit er im entsprechenden Moment sein Leben verteidigen kann. "Vielleicht nimmt er das Geld von uns und übergibt uns dann der Armee und bekommt dort noch einmal Geld. Wir sind im Niemandsland, da gibt es keine Gesetze", gibt der Mann zu bedenken. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel, schließlich sind die Männer am Ende ihrer Kräfte und haben kein Wasser mehr. Einer trinkt seinen Urin, Khaled läuft - trotz völliger Erschöpfung - 40 Minuten zurück zu einer Quelle, um zu trinken. "In dem Wasser waren Frösche und Insekten, aber es war Wasser, also haben wir es getrunken."

Der Schmuggler lässt sich seine Bezahlung geben und übergibt sie an den Nächsten. Er führt sie zu einer Hütte, in der alle schlafen sollen. "Ich spürte, dass etwas Gefährliches in der Nähe ist, und kam nicht zur Ruhe." Sein Freund Mohammed schläft vor Erschöpfung sofort ein, Khaled erkundet die Umgebung. "Ich versuchte mich zu orientieren und erkannte, dass wir uns in der Nähe des Highways nach Damaskus befinden. Ich wusste sofort, das bedeutet, dass die Armee in der Nähe ist." Plötzlich sieht er Lichter, die an- und ausgehen. Er geht näher heran und versteckt sich hinter einem Stein. "Als ich hervorlugte, sah ich, dass wir in der Nähe eines Armee-Flughafens waren." Gerade späht ein Soldat mit einem Nachsichtgerät in die Dunkelheit. Khaled zieht seinen Kopf schnell zurück, schleicht sich zurück zu Mohammed und weckt ihn: "Wach auf, wir sind genau neben einem Armee-Flughafen." Dieser antwortet nur schlaftrunken: "Lass sie kommen und uns töten, ich muss eine Stunde schlafen." In dem Moment hört Khaled Schritte. Er presst seine Hand an die neue Waffe, die er in der Hosentasche trägt, und schleicht zum Eingang. Doch nicht die Armee, sondern eine weitere Gruppe Flüchtlinge kommt durch die Tür - darunter ein Mann mit seinen zwei kleinen Töchtern. "Ich fragte den Vater: 'Warum bringst du deine Töchter in so eine gefährliche Situation? Bist du verrückt?', und er antwortete: 'Wir haben kein Zuhause mehr, ihre Mutter wurde im Bombenhagel getötet, wir haben keine Wahl'." Drei Tage lang wartet die Gruppe in der Hütte - sie haben kein Wasser und Essen mehr. "Dort war ein schlechter Mann. Er hat uns etwas gebracht. Für eine Flasche Wasser hat er aber auch 100 Euro genommen und wir mussten das bezahlen." Es gebe leider immer Menschen, die aus der Not von anderen Kapital schlagen.

Die Überquerung einer Militärgrenze

Nach einer langen Wartezeit im Niemandsland steht nun die Überquerung einer Militärgrenze an: Auf der einen Seite steht die syrische Armee, auf der anderen Seite kämpfen die Unterstützer der Revolution. "Die Sonne ging unter und wir machten uns auf den Weg. Wir bildeten zwei Gruppen und ich wurde von Mohammed getrennt." Sein Freund verspricht dem erschöpften Vater, die zwei kleinen Mädchen über die Straße zu tragen, die die Grenze bildet. Khaled verabschiedet sich von seinem Begleiter,  als sei es das letzte Mal. Keiner weiß, ob sie die Überquerung überleben. "Im Kugelhagel zwischen zwei kämpfenden Armeen zu sein, ist das Gefährlichste, was es gibt." Der Schmuggler gab noch eine kurze Anweisung: "Wenn das nächste Auto vorbeigefahren ist, dann rennt los! … JETZT!" und sie rannten. "Sobald wir auf der anderen Seite waren, ließen wir uns hinter einem Erdhügel auf den Boden fallen."

Dann folgt die zweite Gruppe. Khaled lässt Mohammed und die Mädchen nicht aus den Augen.  In dem Moment, als sie rennen, fährt das nächste Auto über einen Erdhügel und dessen Scheinwerfer beleuchten die Gruppe für ein paar Sekunden. Zu lange! Khaled hört, wie ein Panzer den Motor anlässt und Kurs auf sie nimmt. Der Schmuggler ruft nun noch: "Rennt!". Mohammed kommt gerade bei Khaled an, als dieser eines der Mädchen packt und mit ihm losrennt. Er hört das Maschinengewehr hinter sich rattern. "Der Soldat hat aber absichtlich danebengeschossen, vielleicht hat er gesehen, dass wir Kinder bei uns hatten und wollte uns nicht erschießen."

Nach einer Weile sind sie in Sicherheit. Alles ist still. Die stark umkämpfte Stadt Damaskus wirkt aus der Ferne fast friedlich - ihre Lichter leuchten bis in die Wüste. Nur in der Ferne hört Khaled das dumpfe Grollen des Kriegs und sieht Brände aufleuchten. Nach einem siebenstündigen Fußmarsch halten sie schließlich bei einem Schmuggler an. Für jeden gibt es ein Glas Wasser. "Es kann vorkommen, dass dort einen ganzen Tag lang kein Fahrzeug langkommt", berichtet Khaled. Doch nach zwei Stunden fährt ein Laster vor. Als er da ist, springt Khaled sofort rein und reserviert einen Platz. Doch einer der zwei Männer, die seit dem Heimatdorf mit ihm gereist sind und der ihm die Waffe gegeben hat, sagt: "Steig nicht in diesen Laster. Ich kann dir nicht sagen warum, aber bleib hier." Khaled zweifelt, er ist mitten in der Wüste und hatte das Glück, dass ein Laster vorbeikommt. Er und sein Freund folgen jedoch dem Rat des Reisekameraden, verabschieden sich von den zwei kleinen Mädchen und beobachten verunsichert, wie der Laster abfährt.

Deine Freunde vom ISIS

Bei ihnen in der Wüste ist nur der Schmuggler geblieben. Er lacht: "Warum seid ihr nicht mitgefahren? Nun müsst ihr vielleicht eine Woche auf das nächste Auto warten!" Da holt einer der beiden Reisekameraden plötzlich ein Satellitentelefon heraus. Khaled staunt, solche Telefone sind selten und teuer. "Woher hast du das?", will er wissen. Der Reisekamerad sagte nur: "Einer meiner Freunde kommt uns woanders abholen, wir müssen zu ihnen kommen." Ein Mann holt sie mit einem Wagen ab, vier Stunden lang müssen sie unter dem Verdeck seines Wagens liegen - auf der mit Schlaglöchern übersäten Piste werden sie hin und her geworfen. "Zwischen Syrien, dem Irak und Jordanien ist ein gefährliches Gebiet, hier gibt es die meisten Kämpfe", berichtet der Fahrer. Sein Reisekamerad fragt ihn und seinen Freund Mohammed während der Fahrt: "Was wollt ihr nun machen?" "Wir wollen weiter in die Türkei", antwortete Khaled. Da habe sich etwas in seinem Blick verändert, berichtet er: "Ich wusste nicht was, aber ich wusste, er verschweigt etwas." Nach einer langen Fahrt und einer kurzen Pause fahren sie weiter auf dem Highway von Damaskus Richtung Bagdad, dann sagt der Fahrer: "Da sind eure Freunde."

Khaled schaut aus dem Wagen und sieht wehende ISIS-Flaggen und sechs bis auf die Augen verhüllte Männer, die von Kopf bis Fuß bewaffnet sind. "Ein Kämpfer hatte einen Gürtel mit Maschinengewehrpatronen um." Die zwei anderen Männer werden herzlich empfangen, dann kommt einer von den Kämpfern zu ihnen und fragt: "Ihr wollt euch uns anschließen?" Mit einem Seitenblick zu seinem Reisekameraden sagt Khaled: "Ja" und denkt, "nun haben wir ein Problem. Der eine ISIS-Kämpfer weiß, dass wir in die Türkei weiter wollen." Sie steigen in einen Toyota Hilux, der mit GPS, Internetzugang, Nachsichtgerät und modernen Waffen ausgestattet ist. "Sie hatten so eine gute Ausrüstung, so etwas kannte ich nur aus Filmen."

Foto: Die zwei Männer links im Bild führten Khaled Sliman Al Hariri unfreiwilligerweise zum ISIS-Stützpunkt. (Foto: privat)

Die ISIS-Hochburg in der Wüste

Die Rebellen brausen mit 200 Stundenkilometer durch die Wüste und halten nach vier Stunden schließlich an einer riesigen Ölraffinerie bei Rakka im Norden Syriens. "Dort waren viele Arbeiter und ISIS-Kämpfer aus Syrien, England und Russland. Alle nannten sich 'Bruder'", berichtet Khaled. Es gab Essen und Internet. Als Khaled sein Handy anmacht, hat er 300 Nachrichten von seiner besorgten Familie und von Freunden. Ständig hört er in den kommenden Tagen Fluglärm und hat jedes Mal Angst vor einem Luftangriff. "Da waren so viele ISIS-Kämpfer. Was ist, wenn die USA nun aus der Luft angreifen?" Überall um sie herum sehen sie nur "Waffen, Waffen, Waffen". Auch sieht Khaled spät abends, wie dort Lastwagen mit Öl und Benzin betankt werden, die zum Assad-Regime und zum Militär gehören - also zum Gegner. Darüber wundert er sich sehr. Zeit, um näher darüber nachzudenken, hat er nicht. Die beiden Freunde wollen um jeden Preis weg, aber der Mann, der sie mitgebracht hat, ist für eine Woche verreist. Nur er darf über ihr Schicksal entscheiden, "so ist es bei ISIS". Als er wiederkommt, sagt Khaled ihm, dass sie gehen wollen. Er fragt: "Ihr wollt euch uns nicht anschließen?" Khaled antwortete: "Nein, wir wollen in die Türkei." Da sagte er: "Ihr seid frei. Ihr könnt gehen." Sie packen ihre Sachen und verlassen den Ort so schnell sie können. Als Khaled schon in Deutschland ist, erfährt er, dass die Raffinerie mittlerweile von den USA durch einen Luftschlag vernichtet wurde.

"Goodbye Syria"

Nach fünf Kilometern zu Fuß sehen sie einen großen Laster, der sie in die nächste Stadt mitnimmt. In einem Supermarkt kommen sie für die Nacht unter. Khaled wird krank, der Supermarktbesitzer fährt ihn zum Arzt und kümmert sich um sie. Doch bereits am nächsten Tag wollen die zwei zusammen mit anderen nach Aleppo aufbrechen, um dort die Grenze zu überqueren und Syrien zu verlassen. Schließlich ist ein Fahrer gefunden. Auf dem Weg sagt er zu ihnen: "Schaut euch alles noch einmal an, das werdet ihr später vermissen." Doch Khaled und Mohammed wollen nichts davon wissen und sehen nur nach vorne: in Richtung Türkei. "Später wusste ich, dass er Recht hatte", sagt Khaled.

An dem letzten ISIS-Kontrollpunkt zeigt einer der Kämpfer auf Khaled und sagt: "Ich will den Ausweis von diesem Mann sehen." Khaled: "Vielleicht dachten sie, ich sei ein geflüchteter ISIS-Kämpfer." Gott sei Dank lassen sie den Wagen mit Khaled passieren. Plötzlich fahren sie auf eine zerbombte Straße und sehen in der Ferne Rauch und einen Helikopter, der schießt. "Wir müssen zurück", sagt der Fahrer. "Nein, finde einen anderen Weg", bittet Khaled ihn. "Ich will Syrien heute verlassen." Der Mann nimmt einen anderen etwas längeren Weg. Nach einer Passkontrolle an der türkischen Grenze, sind die zwei schließlich in Istanbul, wo Khaled einen Freund hat. "Das war wie eine andere Welt - mit Springbrunnen, Hotels und bequemen Taxis. "Jetzt kommen glücklichere Tage", ist er sich sicher, nicht ahnend, was sie noch erwartet.

Foto: Das letzte Bild von Khaled Sliman Al Hariri in Syrien. Danach folgen leider keine Bilder mehr, da sein Handy kaputt gegangen ist. (Foto: privat)

Fast auf griechischem Boden

In der Türkei merken sie schnell, dass Syrer schlechte Arbeitsbedingungen vorfinden. "Mein Freund hat dort 15 Stunden für einen Hungerlohn in einem Restaurant gearbeitet. Wenn er mit Kündigung drohte, sagte der Chef, er könne noch 100 weitere Syrer finden, die seinen Job gerne machen würden." Khaled entscheidet: "Ich habe mein Leben nicht riskiert, um hier als Sklave zu arbeiten. Ich gehe nach Griechenland und von dort aus nach England." Mit seinen Englisch- und Computerfachkenntnissen rechnet er sich gute Chancen aus. Außerdem hat er dort einen Cousin. Sie suchten sich einen Schmuggler und nach 20 Tagen in der Türkei wagen sie den ersten Versuch, das Meer zu überqueren - gemeinsam mit 50 anderen Menschen. "Der Schmuggler lernte einen Flüchtling an, der steuert, dann setzte er uns in das Boot, zeigte Richtung Griechenland und wünschte uns viel Glück." Mitten in der Nacht paddeln die Flüchtlinge auf die Insel zu - ohne Licht. Plötzlich hörten sie Alarm und die Lichter eines großen Schiffes blendenden sie. Das Schiff wirft seine Leinen in ihr Boot, sie warfen die Leinen wieder raus. Viele Flüchtlinge rufen der Küstenwache zu: "Lasst uns bitte rüber." Einer schreit sogar: "Ich bringe mich um, wenn Sie uns festnehmen." Aber der Kapitän sieht, dass Kinder an Bord sind und will nicht, dass diese ertrinken. Er nimmt die Menschen in Gewahrsam. Eine Nacht müssen sie in der Türkei im Gefängnis verbringen. Am nächsten Tag lässt man sie gehen.

Als sie daraufhin mit dem Schmuggler sprechen, sagt dieser nur: "Ihr müsst es eben zehn bis 20 Mal versuchen, ehe es klappt." Fünf Tage später wagen sie erneut eine Überquerung - dieses Mal in einem kleinen Boot - mit nur sechs Personen und einem türkischen Steuermann. "Diese Überfahrt war natürlich teurer, aber wir rechneten uns so größere Chancen aus." Um 3 Uhr morgens legt das Boot ab. "Das Meer war ganz glatt und hatte keine Wellen, das weiß ich noch", sagt Khaled. Als Griechenland noch 500 Meter entfernt ist, denkt Khaled, "wir haben es geschafft", und freut sich. Doch da kommt ein Boot. Ein Grieche fragt sie freundlich: "Alles okay bei euch? Braucht ihr Essen oder Wasser?" Sie antworten: "Alles okay." "Dann wartet hier", sagte der Grieche. Kurz darauf kommt noch ein Boot. Drei bewaffnete Männer kommen an Bord. Der Mann sagt: "Gebt mir eure Handys, euer Geld und eure Wertsachen." "Warum?", fragt Khaled. "Weil ich es sage", antwortete der Mann und beschimpfte ihn wüst. Ein Flüchtling hat solche Angst, dass er dem Mann seinen ganzen Besitz - 5.000 Euro - gibt. "Wer möchte das Handy haben?", fragt er daraufhin seine griechischen Kameraden und verteilt ihre Besitztümer an seine Leute. Khaled überlegt kurz, ob er gemeinsam mit Mohammed den Mann überwältigen kann. Als dieser hört, dass die beiden flüstern, lässt er zwei Männer mit Maschinengewehren vor sie treten. Mohammed bittet Khaled: "Nein, das ist zu gefährlich." Die Männer ziehen das Boot mitten auf das Meer zurück, zerstörten den Motor und lassen sie alleine zurück. Der türkische Steuermann hat Gott sei Dank ein Telefon dabei und bittet Khaled auf Englisch die Küstenwache zu rufen. Dieser ist noch sehr aufgebracht und sendet einen wütenden Hilferuf. Daraufhin will die Polizei zunächst seine Nationalität wissen und er fragt zurück: "Wieso? Kommen Sie nicht, wenn ich Afrikaner bin oder warum wollen sie meine Nationalität wissen?" Die Küstenwache sei daraufhin sehr schnell gekommen, weil sie dachten, ein Engländer oder Amerikaner sei an Bord. Als der Kapitän hört, dass Khaled Syrer ist, verliert er das Interesse, er wird zu den anderen zurückgebracht und alle werden in der Türkei wieder an Land gesetzt.

Khaled reist alleine nach Algerien

Khaled bleibt dabei, er will nicht in der Türkei Autos waschen und entscheidet, alleine weiter zu reisen - über Libyen. Mohammed will ihn davon abbringen, aber er hat seine Entscheidung getroffen. Mohammed bleibt in der Türkei und arbeitet in seinem alten Job als Automechaniker. Die beiden verabschieden sich, dabei umarmen sich lange und herzlich. Khaled bekommt über einen Schmuggler einen Flug von der Türkei nach Algerien. Zum ersten Mal im Leben fliegt er und sieht die Welt von oben. "Das war immer ein Traum von mir." Dann landete er in Algerien, ganz alleine, ohne jemanden, den er kennt. Er spricht einen Taxifahrer an, der ihm sagt, dass er ganz in der Nähe der Grenze zu Tunesien ist. In einem Hotel lernt er einen Algerier und seine Tochter kennen. Gemeinsam mit ihnen will er in einem Taxi die Grenze nach Tunesien überqueren. Bei der Kontrolle will die Polizei seinen Pass sehen: "Sie müssen zurück, sie sind Syrer", sagt die Grenzkontrolle zu Khaled. Doch da sagt der Algerier, den er gerade kennengelernt hat: "Er gehört zu uns, er ist unser Gast." Da darf er doch passieren. Wieder einmal hat Khaled Glück gehabt. 

In Tunesien angekommen, nimmt er sich ein Zimmer und verschläft den ganzen Tag. In der Nacht geht er raus, isst etwas und erkundigt sich nach einem Schmuggler, der ihn nach Libyen bringen kann. Von dort aus will er es über das Meer nach Italien schaffen. Über einen Restaurantbesitzer bekommt er Kontakt zu einem anderen Syrer, auch er ist Ingenieur und kommt aus Daraa. Die beiden reden die ganze Nacht und beschließen, zusammen weiterzureisen. Der Hotelbesitzer gibt ihnen die Nummer von einem Schmuggler. Dieser kommt am nächsten Tag. Er ist sehr jung und unerfahren. Khaled hat ein schlechtes Gefühl, sie haben aber keine Alternative. "Jeden Tag gehen Tunesier über die Grenze nach Libyen rüber, das ist normal", erklärt er. Der Schmuggler versucht es also auch mit ihnen auf diesem Weg. Doch dann kommen Männer von der Armee und sagen: "Hey, wo wollt ihr hin?" Der Schmuggler antwortet: "Das sind Leute aus Tunesien." Der Soldat fragt Khaled: "Bist du Tunesier?", er antwortet: "Nein, Syrer." Er weiß, der Soldat hätte es sowieso sofort an seinem Akzent gehört. Also nimmt die Armee die Gruppe fest und bringt sie zum diensthabenden Offizier. Dieser will zunächst die Berufe der Flüchtlinge wissen, als er hörte, dass es nur Ingenieure sind, fragt er: "Wo wollt ihr hin?" "Nach Libyen und von dort aus über das Meer nach Italien." "Seid ihr verrückt, bleibt lieber in Tunesien als im Meer zu sterben", rät er ihnen. Aber alle in der Gruppe bleiben bei ihrem Entschluss und er lässt sie gehen.

"Wir kommen, Libyen"

Es ist mitten in der Nacht, als Khaled und sein neuer syrischer Freund sich wieder einmal zu einer Genzüberquerung aufmachen. Sie setzen sich in einen Jeep und werden festgebunden und fragen sich warum. Das merken sie bald. Der Wagen springt so heftig in den Schlaglöchern auf und auf, dass sie sich an dem Seil festhalten müssen, um nicht von der Ladefläche zu fallen. Ein Mann bricht sich bei der Fahrt sogar den Arm, den sie notdürftig schienen. Der Schmuggler fährt in der Wüste 150 Stundenkilometer und sie sind ohne Licht unterwegs. Alles muss schnell gehen, das Gebiet wird von der ISIS bekämpft. "Wenn die Armee uns sieht, wird sie uns für Aufständische halten und sofort schießen", erklärt der Schmuggler.

Immer wieder sehen sie die Lichter der Armeepatrouille in der Nähe. Dann bleibt ihr Jeep im Sand stecken, sie müssen aussteigen und schieben, die Armeepatrouille kommt immer näher. Der Schmuggler sagt: "Wenn sie ganz nahe sind, macht alle schnell eure Handybildschirme an, dann sehen sie, dass wir viele und Zivilisten sind. Wenn wir Glück haben, schießen sie dann nicht." Ihr Jeep lässt sich aus dem Sand befreien, sie bleiben unentdeckt. Nach einer abenteuerlichen Fahrt passieren sie die Grenze und sind in Libyen. Dort warten bereits zwei Autos mit bewaffneten Männern. Sie werden in zwei Gruppen aufgeteilt.

Ihr Auto bringt sie zu einem Schmuggler nach Hause. Dort ist alles verdreckt, es leben zu viele Menschen in dem Haus. Manche warten schon seit drei Wochen auf ein Schiff nach Italien. Bereits nach ein paar Tagen haben Khaled und sein neuer Freund die Möglichkeit, auf einem Schiff die Überfahrt zu riskieren. Ihre gefährlichste Reise beginnt.

Ist das Meer mein Grab?

Ein Schmuggler bringt sie mitten in der Nacht zum Treffpunkt. Dort müssen sie zusammen mit anderen Flüchtlingen zehn Meter durch kaltes Wasser waten - bis zu einem kleinen Boot. In dem Moment kommen Khaled Zweifel: "Was ist, wenn das Boot kentert? Das Wasser ist so kalt." Er meint zu hören, wie ihm die Wellen zurufen: "geh nicht - geh nicht - geh nicht". Khaled läuft weiter. Das "Geh nicht!" rauscht in seinen Ohren. Er ist bereits auf dem Zubringerboot, es fährt los, als er zu dem Schmuggler sagt: "Ich will zurück." "Das geht nicht", sagt dieser. "Mach keinen Stress, sonst werfe ich dich über Bord und du schwimmst zurück." Sein syrischer Freund beruhigt ihn: "Du kommst mit, es gibt keinen Ausweg." Als sie an dem großen Boot ankommen, sehen sie, wie rund 200 Afrikaner unten in den Motorraum gezwängt werden, nur eine afrikanische Mutter mit ihrem Baby darf an Deck kommen. Vorne und in der Mitte des Boots sind die Kinder und Mütter untergebracht. Khaled muss sich setzen und seine Beine öffnen. In seine Beine rutscht ein Mann, der wieder seine Beine für den nächsten öffnet. So bringt die "Crew", bestehend aus einem Steuermann und einem Mann mit GPS-Gerät, noch weitere 200 Menschen an Bord unter. Dann stechen sie in See. Khaled sieht, dass die Nacht sternenklar ist und staunt darüber, wie friedlich alles ist.

Nach vier Stunden beginnen sein Rücken und seine Beine zu schmerzen. Nach acht Stunden auf der dunklen See warten alle sehnsüchtig auf das erste Licht, den Sonnenaufgang. Als die Sonne am Tag jedoch stundenlang scheint, haben alle Durst. Eine Aufbereitungsmaschine, die so lange funktioniert, wie der Schiffsmotor läuft, produziert in kleinen Mengen Wasser. "Nach zehn Stunden fingen die Leute an zu brechen und über Schmerzen zu klagen." Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Das Schiff hat den falschen Weg eingeschlagen. Plötzlich wird der Kapitän wütend, das GPS-Gerät funktioniert nicht mehr. Keine Batterie mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Benzin leer ist. Das heißt: kein Trinkwasser mehr. Sie sind nun 16 Stunden auf See. Kein Land in Sicht, keine Boote, keine Hilfe. Nur blaues Wasser. Khaled blickt sich um, viele weinen, einige sind einfach nur erschöpft. Nur eines ist in allen Gesichtern zu sehen: Hoffnungslosigkeit.

Das Baby der Afrikanerin schreit, es hat Durst. Er muss an die anderen 200 Menschen unter Deck denken, die niemand herausgelassen hat. Nach 20 Stunden auf der See hört er nichts mehr von ihnen. "Wir werden hier alle sterben", beginnt Khaled zu realisieren. Sein Freund weint und gibt ihm seine Papiere und sein Geld. "Bring das meiner Mutter zurück", bittet er Khaled. "Nein", sagt dieser, "das machst du selbst, du wirst hier nicht sterben."  Er versucht, ihn zu trösten. Dann sprechen sie das letzte Gebet. Khaled schließt die Augen und versucht, zu schlafen.

Er wird von Nackenschmerzen geweckt, als er am nächsten Morgen die Augen öffnet, ist sein erster Gedanke: "Sie sind alle tot, ich bin der einzige, der noch lebt." Und dann sieht er es: Das große Schiff mit der italienischen Flagge. "Das war der schönste Moment in meinem Leben", sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Er weckt seinen Freund. "Ein Schiff", flüstert er mit brüchiger Stimme. Dieser öffnet erst nur ein Auge, dann sieht er es, er reißt beide Augen auf, das Leben kehrt in ihn zurück. "Wir sprangen auf sangen, weinten und warfen Sachen in die Luft." Als Khaled von der italienischen Küstenwache an Bord geholt wird, weint er. "Hello, does anyone speak English here?" fragt ein Soldat. "Yes!", sagt Khaled. Der Italiener sieht ihn an, umarmt ihn und sagt: "Du bist jetzt in Sicherheit." Als erstes berichtet Khaled ihm, dass noch viele Menschen im Maschinenraum sind. Die Afrikaner werden sofort herausgelassen. Acht von ihnen sind bei der Hitze ohne Wasser gestorben.

Bei dem Interview zeigt Khaled uns ein Video, was Überlebende mit dem Handy gefilmt haben. Es zeigt ein ähnliches Boot auf der gleichen Route. "Die hatten nicht so viel Glück, das Schiff ist untergegangen", sagt Khaled traurig. Man sieht, wie alle Menschen verzweifelt Wasser aus dem Schiff schöpfen und eine Mutter versucht auf Arabisch ihre ängstlichen Töchter in den letzten Minuten vor dem Tod zu beruhigen, obwohl sie weiß, dass sie alle sterben werden. Khaled will eines Tages nach Kalabrien fahren und für alle Menschen beten, die dort ertrunken sind.

In Italien angekommen, werden sie in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine mit Familien und eine, in der nur Männer sind - dort wird auch Khaled einsortiert. Sie werden zur Polizei gebracht und werden dort mit ihren Fingerabdrücken registriert. Ein Mann weigert sich und wird von den Polizisten zusammengeschlagen und weggebracht. Khaled ist entsetzt. Eigentlich wollte er nach England zu seinem Cousin weiter, aber als dieser hört, dass Khaled in Italien bereits erfasst und registriert worden ist, ahnt er, dass das Probleme gibt. Wahrscheinlich weiß er von dem Dublin-Abkommen, welches besagt, dass Flüchtlinge immer dorthin zurückgeschickt werden, wo sie als erstes registriert wurden. Sein Cousin rät ihm deshalb nicht nach England, sondern nach Deutschland zu gehen: "Dort werden gute Computeringenieure gebraucht und vielleicht kannst du dort studieren." Nun berichtet er auch endlich seiner Familie, dass er sicher in Italien angekommen ist, sie wähnte ihn noch in der Türkei. Auch sein Freund Mohammed ist heilfroh zu hören, dass es seinem Freund gut geht. Er hatte zehn Tage lang nichts von ihm gehört und war sehr beunruhigt.

Die Ankunft in Deutschland

Khaled verabschiedet sich von seinem neuen syrischen Freund, der die schlimmste Schifffahrt seines Lebens gemeinsam mit ihm überstanden hat, und steigt in den Zug, der ihn durch Österreich nach Deutschland bringen soll. In Bayern angekommen, sieht er, wie Polizisten dort Flüchtlinge in Empfang nehmen und wegbringen. Nach der langen Zeit, in der er sich immer vor der Armee und der Polizei versteckt hatte, muss er zunächst umdenken. "Jetzt kann ich mich bei ihnen melden", denkt er und sagt: "Sir, kann ich mit Ihnen gehen?" Der Polizist dreht sich verwundert um und antwortet: "Warum?" "Ich bin ein Flüchtling, wie die da", sagt er auf Englisch und deutet auf die anderen. "Sie sprechen aber gut Englisch", sagt der Polizist und nimmt ihn verwundert mit. Nach zwei Monaten auf der Flucht kommt er endlich an: Erst in Dortmund, von dort aus schickt man ihn nach Greven, wo er nun wohnt.

Er ist sehr dankbar dafür, dass er nun seit fast zwei Jahren in Deutschland lebt. Als Gasthörer wartet er ungeduldig darauf, endlich als richtiger Student an der FH Münster eingeschrieben zu werden. Er möchte Deutsch lernen, Dinge bewegen, sich einbringen und etwas leisten. Aber die Ungewissheit belastet ihn: "Ich muss nun sechs Monate warten, erst dann weiß ich, wie es weitergeht." Es komme ihm so vor, als sei sein Leben ein Bahnhof und er müsse immer warten, obwohl alle anderen in einen Zug steigen.

Foto: Khaled Sliman Al Hariri im Gespräch mit Martina Ratermann, Leiterin des Office for International Studies am Fachbereich Wirtschaft. (Foto: FH Münster/Pressestelle)

Foto: Khaled Sliman Al Hariri im Gespräch mit Martina Ratermann, Leiterin des Office for International Studies am Fachbereich Wirtschaft. (Foto: FH Münster/Pressestelle)

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