Objektivität, Subjektivität und generative gKI:

Zur Paradoxie (rettungs-)wissenschaftlicher Kommunikation und kybernetischer Wahrheit

Autor/innen

  • Thomas Prescher FH Münster, Fachbereich Gesundheit, Münster

DOI:

https://doi.org/10.25974/gjops.v3i1.62

Schlagworte:

Erkenntnistheorie, Wahrheitstransformation, Generative KI, Trantransindividuelle Wissenschaft, Nächste Gesellschaft

Abstract

Hintergrund, Fragestellung: Generative Künstliche Intelligenz (gKI) verändert den epistemischen Kern wissenschaftlicher Arbeit. Die Moderne verstand Wissenschaft primär als Produktion überprüfbaren Wissens, stabilisiert durch methodische Objektivierung und lineare Publikationslogiken. Mit gKI entstehen jedoch neue Formen von Sinnüberschuss und fragmentierten Resonanzräumen, die den klassischen Wahrheitsbegriff und die Zuschreibung von Autorenschaft unter Druck setzen. Im Beitrag wird die Fragestellung verfolgt, wie sich der Wahrheitsbegriff wandelt, wenn Wissenschaft nicht mehr nur Wissen akkumuliert, sondern zunehmend zur Suchbewegung nach Wahrheit wird und gKI als neuer „Mit-Kommunikator“ Subjektivität und Autorschaft in der Wissenschaft offensichtlicher werden lassen?

Methodik: Theoretisch-systematische Analyse unter Rückgriff auf Erkenntnistheorie (Kant, Weizsäcker), Systemtheorie (Luhmann, Baecker) und aktuelle Debatten zu gKI zur Entwicklung einer konzeptionellen Perspektive auf Wahrheit als kybernetischen Prozess, der Erfahrung, Bewusstsein und Kommunikation verschaltet.

Ergebnisse: Die Analyse zeigt, dass der klassische Wahrheitscode („wahr/unwahr“) zunehmend unter Druck gerät. An seine Stelle treten Innovation und Resonanz als neue Selektionswerte wissenschaftlicher Kommunikation. Wissenschaft erscheint dadurch immer weniger als ein System gesicherter Wissensbestände, sondern als dynamische Such- und Fragebewegung, die den unvermeidlichen Sinnüberschuss ihrer eigenen Kommunikation produktiv nutzt, anstatt ihn nur durch disziplinäre Filter zu bändigen.

Dabei wird deutlich, dass Subjektivität trotz methodischer Exklusion eine unverzichtbare Voraussetzung für Erkenntnis bleibt. Diese paradoxe Struktur verschärft sich durch den Einsatz generativer KI, die selbst als Mit-Kommunikator auftritt, ohne klaren epistemischen Status und ohne eindeutige Zuschreibbarkeit von Urheberschaft oder Intentionalität. Der Versuch, gKI durch vollständige Dokumentationspflichten oder eine Ausweitung von Kontrollmechanismen in den etablierten Objektivitätsmodus zu integrieren, bleibt deshalb illusionär: gKI entzieht sich einer totalen Kontrolle und wird – ähnlich wie die Subjektivität des Forschenden – in jene Zone des Schweigens und des Strukturell-Ausgeschlossenen verschoben, die wissenschaftliche Kommunikation benötigt, um ihren Objektivitätsanspruch aufrechterhalten zu können.

Damit markiert gKI keinen bloßen methodischen Fortschritt, sondern verstärkt die medientheoretische Paradoxie der Wissenschaft: Erkenntnis gründet auf Bedingungen, die sie nicht thematisieren darf, und erweitert nun diesen blinden Fleck um eine technologische Instanz, die sich ebenso wenig in ein vollständig regulierbares Objektivitätssystem einfügen lässt.

Diskussion: Die „nächste Wissenschaft“ erfordert einen Wahrheitsbegriff, der sich nicht auf absolute Objektivität stützt, sondern auf emergente Kohärenz, Resonanz und reflektierte Subjektivität. gKI macht sichtbar, dass Erkenntnis nicht nur aus Daten und Methoden entsteht, sondern aus einem offenen Prozess des Fragens. Die Herausforderung liegt darin, diese Offenheit ohne Beliebigkeit zu gestalten.

Fazit: Wissenschaft sollte sich neu als kybernetische Praxis der Wahrheitssuche begreifen: weniger Wissensspeicher, mehr reflexive Suchbewegung. gKI wirkt hier nicht nur als Werkzeug, sondern als Mit-Kommunikator, der die epistemische Paradoxie von Subjektivität und Objektivität verstärkt und den Weg zu einer fragenden, resonanzfähigen Wissenschaft öffnet.

Veröffentlicht

2026-04-10

Ausgabe

Rubrik

Wissenschaftstheorie

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