Prof. i. Vertr. Dipl.-Ing. Lydia Rintz

Wir fangen ganz vorne an: Welche Gründe haben dazu geführt, dass Sie sich für das Studienfach Architektur in Berlin entschieden haben? 

Ein Architekturstudium hatte ich für mich zu Schulzeiten erst kategorisch ausgeschlossen - meine ganze Familie ist in diesem Bereich tätig und so hatte ich früh einen guten, aber auch realistischen Einblick in den Berufsalltag; ein neues, eigenes Feld beruflich kennenzulernen war mein eigentlicher Plan. Letztlich waren mir dann aber die Vorteile der Architekturausbildung bewusst: eine spannende, abwechlungsreiche Studienzeit mit der Möglichkeit, später im Beruf eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten wahrnehmen zu können! Das Generalistische, Umfassende hat mir an der Architektur und auch dem Studium gefallen. Berlin war - aus Hamburg kommend - für mich ein logischer Schritt, ich kannte die Stadt schon ganz gut, wollte dort gern leben - und die TU Berlin mit ihrer freien, guten Arbeitsatmosphäre hat mich sehr überzeugt.

Sie haben 2007/2008 an der ETH Zürich studiert. Wie kam es zu ihrem Entschluss, den Schritt ins Ausland zu wagen?
Zwischen Grund- und Hauptstudium hatte ich mein Studium an der TU Berlin schon einmal für ein halbes Jahr unterbrochen, um ein Büropraktikum in Berlin zu machen und mit neuen Eindrücken und "frischem Kopf" wieder ins Studium zu starten. Die Möglichkeit, im Ausland und an einer anderen Hochschule eine in vielen Punkten andere Lehre kennenzulernen, wollte ich im Hauptstudium unbedingt wahrnehmen. Bei der Wahl des Ortes stand für mich zu der Zeit weniger der Auslandsaspekt - hier ist die Schweiz Deutschland ja auch in vielen Belangen nicht so fern - sondern mehr die Qualität der Schweizer Architektur und Architekturlehre im Vordergrund. Schon vor Beginn meines Auslandsjahres bestand auch die Idee, die Zeit vor Ort noch durch ein Praktikum zu ergänzen; hierfür hat die Bürolandschaft in Zürich besonders interessante Möglichkeiten geboten und so konnte ich im Anschluss an mein Studium noch drei Monate im Büro Burkhalter Sumi Architekten verbringen.

Welche Lehren ziehen Sie aus dem Auslandsaufenthalt?
Würden Sie die Erfahrung auch den heutigen Studierenden empfehlen? 

Die Entwürfe an der ETH finden in der Regel in Einzelarbeit statt und werden durch den guten Betreuungsschlüssel von den Lehrenden intensiv begleitet. Da ich aus Berlin nur das entwurfliche Arbeiten in der Gruppe kannte, war das Arbeiten "für mich allein" eine gute Erfahrung, in die ich an der ETH aber auch erst einmal hineinwachsen musste. Aus Berlin war ich außerdem gewohnt, die eigenen Konzepte gegenüber den Lehrenden zu verteidigen und in den Präsentationen oft lebhaft zu diskutieren; im Kontrast dazu fand ich es an der ETH spannend, die klare entwurfliche Haltung und die Empfehlungen der Lehrenden mehr anzunehmen und - bis hin zu den gestalterischen Vorstellungen und Vorgaben der einzelnen Lehrstühle - unter diesen klaren Leitlinien umzusetzen.
Neben den Entwurfsprojekten bei Adrian Meyer und Gregor Eichinger hatte ich in meinem zweiten Semester die Möglichkeit, am Architekturtheorie-Lehrstuhl von Ákos Moravánszky im Rahmen einer Wahlfacharbeit auch einmal vertieft theoretisch zu arbeiten; das war eine tolle Erfahrung, von der ich inhaltlich und methodisch sehr profitiert habe.
Ich möchte jedem Studierenden den Aufenthalt an einer anderen Hochschule, auch verbunden mit einem Ortswechsel, von Herzen empfehlen! Andere Arbeits- und Sichtweisen kennenzulernen kann nur bereichern.

Im Anschluss an Ihr Studium haben Sie vor allem freiberuflich gearbeitet. Verschiedene Büros, verschiedene Städte. Wie hat diese Zeit Sie geprägt? 

In meiner freiberuflichen Zeit habe in der Regel nicht in den Büros vor Ort, sondern von meinem Bürostandort Berlin aus gearbeitet - aber hier an ganz unterschiedlichen Projekten für verschiedene Auftraggeber: von Innenausbauprojekten mit Möbelentwürfen über verschiedenene Wohnungsbauvorhaben, Bauen im Bestand bis hin zu städtebaulichen Wettbewerbsverfahren war es mir so möglich, eine sehr große Bandbreite unterschiedlicher Projekte und Projektabläufe kennenzulernen. Das Nebeneinander verschiedener Aufgaben und die Notwendigkeit, sich immer wieder in andere Anforderungen einzudenken - und die unterschiedlichen Jobs auch in meinen Arbeitsabläufen zu organisieren - war bereichernd und inspirierend! Darüber hinaus hat mir die Freiberuflichkeit auch die Möglichkeit der Umsetzung eigener Projekte, wie einer Installation und Podiumsdiskussion für den Hamburger Architektursommer, gegeben.


2013 dann der Schritt in die Selbstständigkeit, zusammen mit Dipl.-Ing. Philipp Quack. Wie kam es dazu? 

Philipp Quack und ich haben bereits im Studium und an Wettbewerben während der Studienzeit in Berlin gut zusammengearbeitet. Nach dem gemeinsamen Diplom sind wir zunächst getrennte berufliche Wege gegangen - Philipp angestellt in einem größeren Berliner Büro, ich in der Freiberuflichkeit -bis sich die Möglichkeit ergab, die Planung für ein größeres Mehrfamilienhaus in klassischer Berliner Blockrandlage zu übernehmen. Dieser Aufgabe wollten wir uns dann gern wieder zu zweit stellen! Über Wettbewerbserfolge konnten wir weitere Projekte akquirieren und dann mit der Bürostruktur auch entsprechend wachsen.


Durch Ihre Erfahrungen und die verschiedenen Büros haben Sie bereits viele Projekte entwickeln und/oder realisieren können. Welche Haltung vertreten Sie allgemein mit Ihren Projekten in der Architektur?
Eine übergeordnete Haltung lässt sich vielleicht mit dem Versuch beschreiben, dem Ort und der Aufgabe angemessene Lösungen zu finden, die dauerhaft, zweckmäßig und insbesondere auch formal nachhaltig sind. Das klingt nach allgemeiner Aussage, ist aber im konkreten Projekt immer wieder eine schwierige Aufgabe.


Haben Sie Projekte, die Sie als besonders spannend oder herausfordernd einstufen würden? 

Erst einmal stellt jedes neue Projekt für uns eine spannende Herausforderung dar! Ein besonderes Interesse meinerseits besteht im Bereich größerer städtebaulicher (Wohn-) Quartiersentwicklungen, da diese über einen langen Zeitraum gedacht werden müssen und ein stabiles Grundgerüst für die spätere architektonische Ausformulierung bilden sollten. Dabei sind im städtebaulichen Maßstab die komplexen Rahmenbedingungen, die Berücksichtigung der Interessen verschiedener Akteure und die Suche nach angemessenen Lösungen für zukunftsweisende Wohn- und Arbeitsumgebungen besonders interessant.


Sie waren bereits als Lehrbeauftrage von 2012-2014 an der MSA in der Lehre tätig. Was waren/sind Ihre Beweggründe, parallel zur Praxis, zu lehren? 

Eine enge Verbindung zwischen Lehre und Praxis ist im Architekturstudium unverzichtbar und auch als Lehrende profitiert man stark davon, zwischen Büro- und Projektalltag und dem thematisch freieren Arbeiten an der Hochschule wechseln zu können. Die Entwicklung eigener Themen und vielseitiger Aufgaben für die Studierenden ermöglicht auch mir als Lehrender das weitere Dazulernen! Der Austausch mit den Studierenden und der kreative Input einer Hochschulumgebung machen nicht nur unglaublich viel Spaß, sondern sind auch für die eigenen Projekte eine große Inspiration.


Welche Inhalte und Merkmale sind Ihnen in der Lehre wichtig? Was möchten Sie den Studierenden gerne mitgeben?
In der städtebaulichen Lehre ist mir wichtig, dass die angebotenen Themen eine Aktualität und (gesellschaftliche) Relevanz haben - und die Studierenden sollten sich mit den Inhalten identifizieren können! Die individuelle, vertiefte Betreuung und die Förderung eigener Lösungswege bei gleichzeitiger Vermittlung grundlegend anwendbarer Analyse- und Entwurfstools sehe ich in meinen Kursen als Merkmale.
Gleichzeitig finde ich es für die Studierenden wichtig, das Architekturstudium als Zeit des kreativen Ausprobierens verstehen zu dürfen! Die Freiräume, die das Architekturstudium bietet, sollte man als Student genießen und vor allem auch dafür nutzen, eigene Interessen zu vertiefen.
 
 

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