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Immer alles perfekt machen, das wünschen sich viele Designerinnen und Designer, auch wenn es ungern zugegeben wird. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich meine Dateien akribisch auf Fehler untersuche. Prüfen, verwerfen, prüfen, verwerfen... So lange bis ich merke, dass nichts Neues dabei rumkommt.

Experimentelles Arbeiten - sich bewusst auf dünnes Eis wagen - kann da helfen. Jedoch stellt das für viele Designstudenten eine enorme Herausforderung dar. Die Angst vor dem Scheitern ist groß. Wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellt, kann man es ja nicht mehr ändern. Hat sich der Perfektionismus einmal breitgemacht, wird man ihn nicht mehr los - auch wenn das Unperfekte verheißungsvoll und wild mit den Armen rudert.

Aber gibt es das überhaupt: die perfekte Lösung? Brauchen Projekte nicht gerade ihre Ecken und Kanten, um zu etwas Besonderem zu werden? In einem Gespräch mit Till Wiedeck finde ich heraus, wieso Experiment und Perfektion keinen Widerspruch bilden. - von Nicole Braisch

Hallo Herr Wiedeck. Können Sie mir sagen, in welchen Bereichen Sie hauptsächlich arbeiten?

HelloMe ist ein Design Studio und entwickelt unter anderem dynamische visuelle Systeme, Identitäten und Gestaltungskonzepte für Warp Records, den Berlin Art Prize oder The Renaissance Society in Chicago. Das Studio bündelt dabei in einer kollaborativen Praxis progressive Tendenzen an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst und Gegenwartskultur. HelloMe entwickelt national und international visuelle Systeme für kulturelle Institutionen, Kunstorganisationen, Museen sowie führende Marken und Unternehmen. Darüber hinaus arbeitet das Studio in sehr enger Zusammenarbeit mit Künstlern und Kuratoren an der Entwicklung außergewöhnlicher Publikationen und medienübergreifend relevanter Formate.

Was macht gerade diese Branche so interessant?

Die Arbeit mit Marken und Partnern aus angrenzenden Kreativbereichen wie Kunst, Kultur, Mode, Musik oder Architektur empfinden wir alle im Austausch als sehr bereichernd und der Impact, den man auch bei globalen Marken in diesen Feldern als Design Studio haben kann, ist sehr hoch.

Im Jahr 2008 haben Sie Ihre eigene Agentur HelloMe in Berlin gegründet. Auf welche Weise gehen Sie dort Projekte an?

Hier gibt es nicht das eine Prinzip. Ein tiefes Verständnis für unsere Partner, deren Sicht auf die Welt und das Hinterfragen der aktuellen Fragestellung gehören in jedem Fall zu unseren ersten Schritten. Was ist der Grund für die Beauftragung? Wir dringen gerne zum Kern der Sache vor, das löst langfristig Probleme und Fragestellungen und ist nachhaltiger als das Abarbeiten von kurzfristigen Aufgaben. Daran sind wir weniger interessiert.

Entwickeln Sie nur die Ideen oder sind Sie auch in großen Teilen an der Gestaltung beteiligt?

In unserem kleinen Team, von vier bis sechs Personen, ist es wichtig, dass jeder alles macht. Ich selber gestalte sehr gerne und viel. Es gibt Tage, an denen dazu aber auch keine Zeit ist. Als Gründer und Kreativdirektor hat man Aufgaben, die weit über Design hinausgehen. Vom Praktikanten bis zum Kreativdirektor sind hier jedoch alle gleich. Wir sprechen alle auf Augenhöhe, treffen Entscheidungen stets gemeinsam. Vielfalt und Diskurs sind wichtig, Konsens jedoch nicht unser Ziel.

Beeinflussen Sie Kunden und Kooperationspartner in ihrer Arbeitsweise? Oder vielleicht sogar in ihrer Denkweise?

Ich denke, das gehört zu unseren Hauptaufgaben. Denkmuster zu hinterfragen und zu erkennen, wo wirkliche strategische Ziele und Probleme liegen. Gerade in der Gestaltung, die immer Artikulation von Position ist, geht es oft um übergeordnete Problemstellungen, die es eigentlich zu beantworten gilt.

HelloMe arbeitet sowohl analytisch, als auch experimentell. Was heißt das im Detail?

Ein Problem zu verstehen, zu durchdringen und dann eine sehr ungewöhnliche oder abstrakte Lösung dafür zu erarbeiten, die eigentlich nicht die erste Ebene des Problems, sondern die übergeordnete Fragestellung beantwortet.

Gibt es auch Projekte, bei denen Sie keinen direkten Einstieg gefunden haben?

Nein, wir vertrauen dem Prozess und der Zusammenarbeit mit unseren Partnern. Zudem lehnen wir Projekte auch mal ab, wenn wir das Gefühl haben, sie interessieren uns nicht.

Gleicht ein typischer Schriftgestaltungsprozess bei Ihnen im Studio den Prozessen in eher klassischen Schriftgestaltungsbüros?

Wir arbeiten nicht an Retail Typefaces, die einen erweiterten Konsumentenkreis bedienen wollen. Unsere Schriften lösen sehr spezifische identitäre Aufgaben und können daher bestimmte Aspekte oder Gesten stärker herausarbeiten und betonen, da sie einem spezifischen Zweck dienen.

Wie haben Sie den neuen Einstieg in eine fremde Fachdisziplin erlebt? Ich stelle es mir ziemlich schwierig vor.

Mit Buchstaben bin ich aufgewachsen, nichts daran schien mir fremd, sondern logisch.

Ihre Diplomarbeit Hier und Dasein widmete sich ganz dem Thema Orientierung. Dies ist nun 7 Jahre her. Wie viel Einfluss hat dieses Thema heute noch in Ihrem Berufsleben?

Das haben mein guter Freund Henning Walther und ich als Grundthese gesehen, die auch
immer aktuell bleibt: Orientierung zu schaffen ist grundlegender Bestandteil der Designarbeit
und sollte immer mitgedacht werden. Ob das nun bedeutet, sich im physischen, digitalen oder mentalen Raum zu bewegen, ist sekundär. Eine gestalterische Geste zeigt immer in eine oder
mehrere Richtungen. Es ist wichtig zu verstehen, was die Bedeutung und somit die Richtung
einer Geste ist.

Ihre Diplomarbeit Hier und Dasein widmete sich ganz dem Thema Orientierung. Dies ist nun 7 Jahre her. Wie viel Einfluss hat dieses Thema heute noch in Ihrem Berufsleben?

Das haben mein guter Freund Henning Walther und ich als Grundthese gesehen, die auch immer aktuell bleibt: Orientierung zu schaffen ist grundlegender Bestandteil der Designarbeit und sollte immer mitgedacht werden. Ob das nun bedeutet, sich im physischen, digitalen oder mentalen Raum zu bewegen, ist sekundär. Eine gestalterische Geste zeigt immer in eine oder mehrere Richtungen. Es ist wichtig zu verstehen, was die Bedeutung und somit die Richtung einer Geste ist.

Haben Sie bisher den richtigen Weg eingeschlagen oder haben Sie sich auch zwischenzeitlich verlaufen?

Ich denke, das Studio ist sehr fokussiert und auf einem sehr guten Weg.

Haben Sie Lust auf dieses Interview? Ja, nein, vielleicht?

Ich beantworte es nach drei langen Wochen, in denen ich es vor mir hergeschoben habe, morgens um 07.30 Uhr. Es macht mir Freude, aber solche Aufgaben sind momentan durchaus schwer in den Studioalltag zu integrieren, da wir sehr viele höchst spannende Projekte betreuen, die unsere volle Aufmerksamkeit erfordern.



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