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Von der Fresswelle bis zur Astronautennahrung

Vortrag an der FH Münster präsentierte den Wandel auf dem Teller und in der Wissenschaft


Münster (11. Mai 2022). Wer erfolgreich war, trug in den 50er-Jahren seinen Wohlstandsbauch stolz vor sich her, ganz nach der Devise: Meinen Bauch kann ich mir – nach all den Entbehrungen – leisten. Bis in die 70er-Jahre hinein hielt sich in der bundesdeutschen Bevölkerung die Tendenz zur „Fresswelle“, in deren Folge Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen stark zunahmen. Gegenbewegungen ließen nicht auf sich warten. „Die ersten Diäten kamen Ende der 60er-Jahre auf den Markt. Ganz bekannt war damals die Punkt-Diät“, erläuterte die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ursel Wahrburg auf einem öffentlichen Vortrag zum FH-Jubiläum in der Reihe Campus-Dialoge an der FH Münster. „Wussten Sie, dass der erste Fitnesspfad Deutschlands in Münster entstanden ist?“, fragte ihr Mitreferent Prof. Dr. Guido Ritter die Zuhörer*innen im Fachhochschulzentrum. 1962 wurde die „Schweißtropfenbahn“ im Sportpark Sentruper Höhe errichtet, acht Jahre vor dem Start der Trimm-dich-Bewegung.

In dieser Zeit stieg auch der Bedarf an Fachkräften für Ernährungsfragen. An der 1971 gegründeten Fachhochschule Münster war der Fachbereich Oecotrophologie von Anfang an dabei. Dort hat Wahrburg 23 Jahre gelehrt und geforscht, inzwischen ist sie im Ruhestand. Ritter ist dort seit 22 Jahren aktiv. „Beide, bekannt aus Funk und Fernsehen, treten seit 2010 als Tandem in öffentlichen Vorträgen auf“, sagte Prof. Dr. Isabelle Franzen-Reuter. Die FH-Vizepräsidentin für Lehre, Nachhaltigkeit und Hochschulplanung moderierte die Veranstaltung. Wahrburgs und Ritters Vortrag „Essen, aber wie? Vom Wandel auf dem Teller und in der Wissenschaft“ sollte eigentlich 2021, zum 50. Geburtstag der Hochschule, stattfinden.

Als Beispiel für Projekte des Fachbereichs Oecotrophologie – Facility Management, wie er heute heißt, nannte Ritter unter anderem den Ernährungspodcast „Klausurrelevant!“, den er mit Wieland Buschmann betreibt. Er ist unter www.fh-muenster.de/klausurrelevant abrufbar. Wahrburg berichtete etwa von der ersten Doktorandin Sarah Egert, die sie am Fachbereich zusammen mit einem Wissenschaftler der Universität Kiel betreut hatte. Heute ist Dr. Sarah Egert Professorin an der Universität Bonn.

Es ist auch der Entwicklung aus der „Fresswelle“ geschuldet, dass in den 70er-Jahren in der ernährungswissenschaftlichen Forschung das Zuviel an Energie dem Fett angelastet wurde, wie Wahrburg erläuterte. Später sei es der Zucker gewesen. Die ehemalige Hochschullehrerin führte aus, warum ernährungswissenschaftliche Forschung nicht immer leicht sei. Zum einen liege es am Studiendesign. Dabei sei etwa die „doppelte Verblindung“ problematisch, bei der sowohl Studienteilnehmer*innen als auch Forscher*innen nicht wissen, was gegessen wird. Zum anderen sei der Mensch ein so komplexes Wesen, auf das viele Einflüsse wirken, die sich nicht so leicht auseinanderdividieren ließen. „Der Mensch ist eben keine Labormaus“, resümierte sie. Wahrburg skizzierte aktuelle Trends in der Forschung wie etwa das braune Fett und das Mikrobiom. Am Ende, so Wahrburgs Fazit, seien im Prinzip Max Rubners Empfehlungen aus dem Jahr 1931 immer noch gültig: „vollwertig, ausreichend, preiswert, abwechselnd“.

Ritter wagte abschließend einen Blick in die Zukunft der Ernährung. Astronautennahrung sei zwar hocheffizient, aber nicht genussvoll. „Denn Essen hat auch mit Emotionen zu tun, mit Familie, Heimat und Regionalität“, so der Wissenschaftler. Er führte aus, wie Genuss und Nachhaltigkeit zusammengehören.


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