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Alwine Kraatz im Labor für Ernährungsmedizin der FH Münster
Im Labor für Ernährungsmedizin des Fachbereichs Oecotrophologie · Facility Management (OEF) thematisiert Alwine Kraatz in der Lehre auch den Diabetes mellitus. (Foto: FH Münster/OEF)

Münster, 11. März 2021 | Ihr Mann und ihr Sohn sind Typ-1-Diabetiker. So befasst sich die Diplom-Oecotrophologin Alwine Kraatz nicht nur beruflich, sondern auch privat mit dem Diabetes mellitus. Über die "Volkskrankheit" haben wir mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin vom Fachbereich Oecotrophologie · Facility Management gesprochen.

Frau Kraatz, in Ihrer Familie haben Sie Diabetiker mit Typ 1. Sehr viel verbreiteter ist Diabetes Typ 2. Wie unterscheiden sich die beiden Typen?

Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Es werden Autoantikörper gebildet, die die insulinproduzierenden Zellen zerstören. Das sind die sogenannten Betazellen, sie befinden sich in der Bauchspeicheldrüse. Sie verlieren ihre Funktion. Die Folge: Es kann kein Insulin mehr produziert und ins Blut abgegeben werden. Typ-1-Diabetiker sind fortan von einer exogenen Insulinzufuhr abhängig.

Beim Typ-2-Diabetes ist die Krankheitsentwicklung anders. Zu viel Fetteinlagerung, zu wenig Bewegung, Übergewicht und andere Risikofaktoren können dazu führen, dass man einen Typ-2-Diabetes entwickelt. Es fängt damit an, dass die Glukosetoleranz gestört ist. Das heißt, das Insulin, welches gebraucht wird, um Glukose in die Zellen zu schleusen, wird zwar nach wie vor produziert. Es wirkt aber an den Zellen nicht mehr so wie vorgesehen, sodass die Glukose nicht mehr im gewohnten Maße in die Zellen gelangt und es folglich zum Anstieg des Blutzuckers kommt.

Typ-2-Diabetes ist zu großen Teilen abhängig vom Lebensstil. Es gibt jedoch auch eine genetische Prädisposition. Wenn die Eltern beispielsweise oder die Großeltern einen Typ-2-Diabetes entwickelt haben, erhöht sich das Risiko, selbst einen Typ-2-Diabetes zu bekommen. Es gibt, wenn auch seltener, durchaus schlanke Menschen mit Typ-2-Diabetes.

Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen? 

Nach dem Gesundheitsbericht Diabetes 2021 gibt es in Deutschland mehr als sieben Millionen Diabetikerinnen und Diabetiker. Hinzu kommt noch eine Dunkelziffer. Man geht davon aus, dass circa zwei Millionen Menschen gar nicht wissen, dass sie an Diabetes erkrankt sind. Mehr als 90 Prozent aller Diabetes-mellitus-Fälle sind dem Typ 2 zuzuordnen.

Was können denn typische Anzeichen für einen Diabetes sein?

Starkes Durstgefühl und häufiges Wasserlassen sind typische Anzeichen einer Überzuckerung des Blutes. Weitere Anzeichen sind vermehrte Infektionen, Beeinträchtigungen der Sehfähigkeit sowie allgemeines Unwohlsein, Müdigkeit und Schwindel bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Wenn man einmal Diabetes hat, wird man ihn nicht mehr los?

Beim Diabetes Typ 1 definitiv. Man ist lebenslang davon abhängig, Insulin von außen zuzuführen.

Beim Diabetes Typ 2 kann man den Verlauf über eine starke Gewichtsreduktion, regelmäßige Bewegung und eine angepasste Ernährung positiv beeinflussen und die Krankheit, wenn sie sich noch im Vorstadium, dem Prädiabetes, befindet, hinauszögern. Wenn diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, erfolgt die Therapie beim Typ 2 in der Regel über die Gabe von oralen Antidiabetika. Es kann allerdings auch zu einer Insulinpflicht kommen. Wenn die Insulinproduktion über lange Zeit auf Hochtouren läuft, weil der Körper auf erhöhte Blutzuckerwerte mit einer erhöhten Insulinproduktion reagiert, dann kommt es bei den insulinproduzierenden Zellen irgendwann zu einer Funktionsstörung und die Insulinproduktion kann nicht mehr in ausreichendem Maße erfolgen. Dann wird man auch mit Typ-2-Diabetes insulinpflichtig.

Welche Therapien werden angewendet?

Bei meinem Sohn wurde im Alter von knapp drei Jahren Typ-1-Diabetes festgestellt. Während der damals üblichen Therapie musste ich zwei verschiedene Insuline spritzen, mehrmals täglich. Es gibt ja das kurzfristig wirkende Insulin und die Langzeitinsuline. Beide waren notwendig, um den Bedarf an Insulin über den Tag verteilt decken zu können. Da musste ich meinem Sohn manchmal hinterherlaufen, weil er verständlicherweise nicht gerne gespritzt wurde. Dazu kamen noch circa sechs Blutzuckermessungen pro Tag, die über einen Fingerpiks erfolgten.

Mein Sohn ist nun 22 Jahre alt. Die Therapiemöglichkeiten haben sich inzwischen deutlich verbessert bis hin zu einem sogenannten Hybrid-Closed-Loop-System. Das bieten aktuelle Insulinpumpen. Sie erkennen mithilfe eines Sensors am Körper sowohl Über- als auch Unterzuckerungen und reagieren darauf. "Hybrid" heißt es deshalb, weil Mahlzeiten nach wie vor "gebolt" werden müssen. Das heißt, dass man entsprechend der aufgenommenen Menge an Kohlenhydraten Insulin über Knopfdruck abgibt.

Derartige Pumpen bieten zusätzlichen Schutz, da sie akustisch oder per Vibration einen Alarm abgegeben, wenn der Blutzucker sich nicht im vorgegebenen Sollbereich befindet. Das ist eine große Hilfe, vor allem für die Überwachung in den Nächten. Eine nächtliche Blutzuckermessung, wie ich sie über viele Jahre bei meinem Sohn durchgeführt habe, kann so wegfallen. Die Sorge um gefährliche nächtliche Unterzuckerungen ist bei dieser Therapie deutlich verringert.

Bei der Ernährung von Diabetikerinnen und Diabetikern werden verschiedene Ansätze diskutiert?

Da würde ich gerne die ketogene Diät und das Intervallfasten aufgreifen, da diese Themen seit ein paar Jahren verstärkt in meinem Umfeld diskutiert werden.

Bei der ketogenen Diät, die unter anderem für die Gewichtsreduktion genutzt werden kann, nimmt man fast keine Kohlenhydrate auf, es ist die strengste Form der Low-Carb-Diäten. Der Körper nutzt für die Energiegewinnung neben Eiweiß und Fett aus der Nahrung auch Fette, die er bereits gespeichert hat, so kommt es zur Gewichtsabnahme. Die Abbauprodukte, die sogenannten Ketonkörper, können als Energielieferanten anstelle von Glukose verwendet werden. Beide, Typ-1- und Typ-2-Diabetiker, können sich theoretisch ketogen ernähren. Sie haben dann einen deutlich geringeren Bedarf an Insulin. Das wäre ein Vorteil und hört sich im ersten Moment sinnvoll an.

Es gibt aber viele Nachteile, zum Beispiel werden kohlenhydrathaltige Lebensmittel, wie etwa das gesunde Obst und Vollkornprodukte, bei der ketogenen Ernährungsweise gemieden. Somit fehlen bestimmte wichtige Nährstoffe. Die Lebensmittel und Rezepte, die sich für diese Diät eignen, sind eingeschränkt. Auch der möglicherweise erhöhte Verzehr von Fleisch und Fleischprodukten, welcher hier erlaubt wäre, muss sowohl aus Gründen der Nachhaltigkeit als auch aus ernährungsphysiologischer Sicht kritisch betrachtet werden.

Für die Niere ist diese Art der Ernährung aufgrund des hohen Eiweißgehaltes belastend. Daher sollten sich Diabetiker, die bereits Nierenschädigungen haben, auf keinen Fall ketogen ernähren. Meines Erachtens bringt diese Ernährungsweise auch starke Genuss-Einschränkungen mit sich und ist daher schwierig durchzuführen. Eine dauerhafte Umstellung halte ich nicht für ratsam. Auf jeden Fall sollte sie gut überdacht und mit Ärzten und Ernährungsberatern besprochen werden.

Kommen wir zum Intervallfasten.

Seit einiger Zeit ist das Intervallfasten sehr angesagt. Für Menschen, die Gewicht reduzieren möchten, eignet sich diese Methode sehr gut. Auch Typ-1- und Typ-2-Diabetiker können sie anwenden, sie müssen dabei die Therapie entsprechend anpassen. Sie sollten darauf achten, dass sie in der Fastenphase nicht in die Unterzuckerung geraten. Daher empfiehlt es sich, häufiger als üblich den Blutzucker zu messen und gut zu überwachen.

Bleibt der Diabetes unerkannt oder halten sich die Betroffenen nicht an die Therapie, können gravierende Schäden auftreten. Welche sind das?

Was gesundheitliche Folgen bei beiden Typen verursacht, ist ein wiederkehrend erhöhter Blutzuckerspiegel. Dieser kann dazu führen, dass die Gefäße geschädigt werden. Folgen können etwa Herzinfarkt und Schlaganfall sein. Typische Komplikationen sind auch neurologische Schäden, Retinopathie, eine Augenschädigung, und Schädigungen der Niere, die zu einer Dialysepflicht führen können. Bekannt ist auch das diabetische Fußsyndrom, welches schlimmstenfalls in einer Amputation endet.

In der aktuellen Corona-Pandemie spielt Diabetes eine besondere Rolle. 

An Diabetes erkrankte Menschen haben oft Begleiterkrankungen. Typ-1-Diabetes ist manchmal vergesellschaftet mit anderen Autoimmunerkrankungen, wie etwa Erkrankungen der Schilddrüse und Zöliakie. Mein Sohn hat verschiedene Allergien, die allerdings nicht sehr stark ausgeprägt sind.

Beim Typ 2 kommen zum Diabetes oft Bluthochdruck, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen hinzu. Der Körper ist also angeschlagen und nicht mehr so gut für die Abwehr weiterer Erkrankungen gerüstet. Es hat sich gezeigt, dass Diabetiker einen vergleichsweise schwereren Verlauf bei einer Covid-19-Erkrankung haben. Der Diabetes spielt demzufolge eine Rolle bei der Impfpriorisierung. Dabei sind Diabetiker, die einen schlechteren HbA1c-Wert haben, schneller dran als solche mit einem besseren Wert. HbA1c ist der sogenannte Langzeitwert, ein Parameter, der eine Aussage über die durchschnittlichen Blutzuckerwerte der letzten zwei bis drei Monate ermöglicht.

In der Corona-Pandemie kann es aufgrund des Lockdowns dazu kommen, dass sich Menschen weniger bewegen und gleichzeitig eventuell mehr und anders essen als üblich. Dies kann sich im Falle eines vorliegenden Diabetes besonders nachteilig auswirken, da Bewegung einen sehr positiven Einfluss auf die Blutzuckerwerte hat. Sie führt vereinfacht gesagt dazu, dass das Insulin besser wirkt. Bewegung und Sport sind sowohl für den Diabetes Typ 1 als auch für den Typ 2 ein wichtiger Therapiefaktor. Diabetiker wissen, dass sie beim Sport ihre Blutzuckerwerte im Auge behalten müssen.

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